Bad Honnef – Ein besonderer Film wurde heute Nachmittag im Bad Honnefer Lilo gezeigt: „Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes“. Der Dokumentarfilm hält der europäischen Migrationspolitik den Spiegel vor und zeigt die konkreten Folgen einer Abschottungspolitik, die von rechten und rechtspopulistischen Kräften – etwa der AfD – maßgeblich vorangetrieben wird. Das einzelne menschliche Schicksal spielt in diesem System keine Rolle mehr.
Wer psychisch nicht in der Lage ist, mitzuerleben, wie europäische Küstenwachen Flüchtlingsboote zerstören oder Tote aus überfüllten Booten auf Rettungsschiffe gehievt werden, sollte diesen Film nicht sehen – verschließt sich damit aber auch der Realität. Realisiert wurde der Film von den Regisseuren Max Ahrens und Maik Lüdemann. Die Vorführung im Lilo ermöglichte die Initiative Bad Honnef bleibt bunt, unterstützt von den Gebrüdern Müller, den Betreibern des Kinos.
Europa spricht gern von Werten: von Menschenrechten, Humanität und internationaler Verantwortung. „Kein Land für Niemand“ zeigt, was von diesen Versprechen übrig bleibt, sobald Menschen versuchen, sie in Anspruch zu nehmen. Spoiler: nicht viel.
Der Film ist keine nüchterne Bestandsaufnahme, sondern eine politische Anklage. Er richtet sich gegen ein europäisches Grenzregime, das systematisch Entrechtung produziert und diese Gewalt hinter technokratischen Begriffen wie „Migrationsmanagement“ oder „Asylreform“ verbirgt.
Die Festung Europa ist kein Unfall
Unmissverständlich macht der Film klar: Die Brutalisierung der europäischen Migrationspolitik ist kein Betriebsfehler, sondern politisch gewollt. Pushbacks, Grenzzäune, Abschiebezentren und Deals mit autoritären Regimen sind keine Ausnahmen, sondern zentrale Elemente einer Strategie der Abschreckung.
Dokumentiert werden Frontex-Patrouillen im Mittelmeer, paramilitärisch gesicherte Außengrenzen in Osteuropa und die systematische Verletzung des Asylrechts. Menschen werden zurückgedrängt, interniert, kriminalisiert oder ihrem Schicksal überlassen – während Regierungen von „Ordnung“ und „Kontrolle“ sprechen.
Besonders erschütternd ist die Geschichte einer syrischen Familie, die nach monatelanger Flucht an der griechischen Grenze gewaltsam zurückgewiesen wird. Kein Einzelfall. Pushbacks sind Praxis, nicht Skandal – und sie geschehen mit Wissen, Billigung und Finanzierung der Europäischen Union.
Ein Film aus politischer Notwendigkeit
Die Idee zu „Kein Land für Niemand“ entstand 2022 aus dem dringenden Bedürfnis der Regisseure Max Ahrens und Maik Lüdemann, den erstarkenden rechtsextremen Tendenzen in Politik und Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Ihre Motivation speist sich aus konkreten Erfahrungen: einer Mittelmeerrettungsmission, wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Flucht und Migration und der Einsicht, dass Neutralität in dieser Frage längst Parteinahme bedeutet.
Unterstützt wurde das unabhängige Projekt von Organisationen wie Sea-Eye, Sea-Watch, United4Rescue, German Doctors, PRO ASYL und dem Mennonitischen Hilfswerk. Diese Zusammenarbeit ist selbst eine politische Aussage: Der Film versteht sich als Teil eines solidarischen Netzwerks gegen politische Kälte und die Normalisierung von Rassismus.
Bilder, die anklagen
Formal bleibt der Film zurückhaltend. Keine dramatische Musik, keine erklärende Stimme aus dem Off. Gerade diese Nüchternheit wirkt umso stärker. Die Kamera zeigt erschöpfte Gesichter, verletzte Körper, bürokratische Routine. Gewalt erscheint nicht spektakulär, sondern alltäglich.
Besonders eindrücklich ist die Gegenüberstellung politischer Sonntagsreden über „humanitäre Verantwortung“ mit Bildern aus Lagern, Abschiebegefängnissen und Grenzregionen. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität ist unübersehbar.
Interviews mit NGOs und Wissenschaftler:innen ordnen ein: Das europäische Asylsystem ist nicht überfordert, sondern bewusst restriktiv gestaltet. Abschreckung funktioniert nur, wenn Leid einkalkuliert wird.
Wem nützt diese Politik?
Der Film stellt eine unbequeme Frage: Wer profitiert von der Abschottung? Sicher nicht die Geflüchteten und nicht der gesellschaftliche Zusammenhalt. Migration wird zum Sicherheitsproblem erklärt, um autoritäre Maßnahmen zu legitimieren. Menschenrechte werden selektiv angewandt, Schutzsuchende werden zu Risiken erklärt.
„Kein Land für Niemand“ zeigt, wie rassistische Narrative, ökonomische Interessen und politischer Rechtsruck ein System stabilisieren, das auf Ausgrenzung basiert.
Dieser Film verlangt Haltung
Dieser Film ist kein Angebot für den gemütlichen Diskurs. Er zwingt zur Positionierung. Wegsehen ist keine Option mehr, Unwissenheit keine Ausrede. Wer ihn gesehen hat, kann nicht mehr behaupten, nichts gewusst zu haben.
In einer Zeit, in der Abschottung zur neuen Normalität wird, erinnert „Kein Land für Niemand“ an eine unbequeme Wahrheit: Ein Europa, das Menschen ertrinken lässt oder zurückprügelt, verteidigt keine Werte – es verrät sie.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Migration „gesteuert“ werden muss, sondern: Wie viel Gewalt ist eine Gesellschaft bereit zu akzeptieren, um ihre Privilegien zu sichern?
In der anschließenden Diskussion wurde kritisiert, dass der Film keine Lösungen anbiete, sondern lediglich die Problematik aufzeige – etwas, das man täglich auch beim Fernsehsender Phoenix beobachten könne. Im Gegensatz dazu habe „Kein Land für Niemand“ durch eine kompakte und informative Zusammenfassung der Lage überzeugt.
Einem Besucher fiel zudem auf, dass in den Interviews ausschließlich männliche Flüchtlinge zu sehen waren – keine einzige Frau kam zu Wort.
Auch die Besucherzahl war überschaubar: Nur rund 60 Zuschauerinnen und Zuschauer hatten den Weg ins Lilo gefunden, überwiegend Menschen, die für das Thema ohnehin bereits sensibilisiert sind.
Vielleicht sollte der Film daher noch einmal gezeigt werden – mit intensiverer Werbung und gezielter Ansprache, um auch jene zu erreichen, die sich bislang noch nicht mit der Realität auseinandergesetzt haben oder möglicherweise erwägen, beim nächsten Mal eine rechte Partei zu wählen.







