Kaan-Orhon Donnerstagabend im Bad Honnefer Rathaus | Foto: Beate Schaaf

Bad Honnef | Der Islamische Staat wirbt heute bei der Rekrutierung neuer Kämpfer nicht mehr für die Ausreise in ein von ihm besetztes Gebiet, sondern dafür Terroranschläge im eigenen Land durchzuführen. „Wir müssen in Deutschland jederzeit mit dschihadistischen Anschlägen rechnen“, erklärte NRW-Innenminister Herbert Reul letzte Woche bei der Vorstellung des aktuellen Verfassungsschutzberichts in Düsseldorf, denn die Zahl extremistischer Islamisten ist auch in NRW weiter gestiegen. Bedrohlich ist, dass sie immer jünger und gewaltbereiter werden, und es sind zunehmend Frauen unter ihnen.

Die Hintergründe für diese Entwicklung und wie man ihr begegnen kann waren das Thema von Kaan Orhon von der Beratungsstelle Hayat in Bonn bei seinem Vortrag über islamistische Radikalisierung im Bad Honnefer Rathaus. Radikalisiert würden junge Menschen heute schon im Alter von 15-25 Jahren. „Jugendzentren und Schulen ist meist schon eine Änderung im Verhalten aufgefallen ohne das ernst zu nehmen, die Familie spürt diese Entwicklung am besten“, sagte er. In der Hälfte seiner Beratungsfälle handele es sich zudem um Jugendliche ohne Migrationshintergrund, fast immer aus Familien mit zerbrochener Struktur.

Unsicherheit, Selbstwertzweifel und das Gefühl der Ausgrenzung trieben junge Menschen in eine Ideologie, die ihnen Stärke, Gerechtigkeit und Zusammenhalt verspreche. Der IS nutze dafür sehr geschickt das Internet zur Kontaktaufnahme, entscheidend seien aber persönliche Kontakte mit radikalen Salafisten vor Ort. „Du hast Recht, wie Du Dich fühlst, wir verstehen Dich und wir bieten Dir etwas Besseres an.“ – das verspricht eine einfache Lösung für die eigenen Probleme, so Orhon.

Die Beratungsarbeit bei Hayat beginne mit einer Analyse der Lebensumstände, der Frage nach dem, was dem jungen Menschen fehlen könnte und einer Beratung, wie man diese kritische Entwicklung deeskalieren könne. Nur bei ernsten Hinweisen auf eine Gefahrensituation und dann möglichst zusammen mit den Eltern würden die Behörden eingeschaltet. „Wir sind froh, wenn uns jemand frühzeitig um Rat fragt, auch wenn sich der Verdacht nicht bestätigt“, sagte Orhon, „denn oft melden sich die Familien oder Bezugspersonen erst sehr spät“. (B.S.)