Bad Honnef. Schon bevor die ersten Kinder überhaupt da sind, ist klar: Diese Woche wird intensiv. Am Samstag, einen Tag vor dem eigentlichen Start des fünftägigen Ostercamps der Künste, treffen sich 20 Jugendliche im TanzLabor in der ehemaligen Hochschule Bad Honnef. Denn in der kommenden Woche wechseln sie die Perspektive: Sie werden zu Leiter*innen für über 60 Grundschulkinder in sechs Kunstsparten.
Was folgt, ist kein lockeres „Vorbereiten“, sondern ein konzentrierter gemeinsamer Kraftakt. Räume werden eingerichtet, Materialien sortiert, Kostüme für 68 Kinder in Kisten gepackt, Gruppen eingeteilt. Gleichzeitig setzen sich die Jugendlichen mit Verhaltenskodex und Schutzkonzept auseinander, planen Abläufe und feilen an ihren Workshop-Ideen. Es ist spürbar: Sie nehmen ihre Rolle ernst und sind sogar ein wenig aufgeregt.
Ankommen: Ein gemeinsamer Start
Am Sonntag wird es dann lebendig. Rund 90 Menschen – Kinder, Jugendliche und das kleine erwachsene Leitungsteam – kommen zusammen. Auf der Wiese vor dem Tanzraum wird getanzt, gelacht und sich kennengelernt. Die ersten Stunden gehören dem Ankommen, dem gemeinsamen Start, dem Hineinfinden in eine Woche, die schnell an Tempo gewinnt.
Jeder Morgen beginnt mit einem Warm-up, geleitet von Shae, 14 Jahre alt. Wild, frei, offen – und erstaunlich verbindend. Hier verschwimmen Altersgrenzen, hier entsteht ein gemeinsamer Rhythmus.
In den ersten beiden Tagen durchlaufen alle Kinder die Workshops: Jonglage, Kostümgestaltung, K-Pop, Chor, Breakdance und Improtanz. Sie probieren sich aus, wechseln Orte, entdecken Neues. Bis zu acht Räume gleichzeitig sind in Betrieb, überall auf dem ehemaligen Campus ist Bewegung, Musik, Konzentration – manchmal auch Chaos. Produktives, lebendiges Chaos.
Entscheidung und Vertiefung
Am Ende des zweiten Tages treffen die Kinder ihre Wahl. Sechs Gruppen entstehen – nicht mehr nach Alter, sondern nach Interesse. Von da an wird intensiver gearbeitet: geprobt, entwickelt, ausprobiert, verworfen und neu gedacht.
Die Struktur ist klar, aber das Besondere liegt in der Verantwortung: Zehn Jugendliche leiten als Künstlerinnen die Kinder in den Workshops, zehn weitere begleiten als betreuende Teamerinnen die Gruppen. Alle kommen aus Projekten rund um „Bad Honnef tanzt“, viele haben selbst als Kinder hier angefangen. Jetzt stehen sie vorne. Die Arbeit aus 15 Jahren kultureller Bildung vor Ort trägt sichtbare, starke Früchte.
Doch in dieser Woche geht es nicht nur um Tanz, Musik oder Performance. Es geht darum, die eigene Rolle zu hinterfragen: Wie erkläre ich etwas? Wie leite ich eine Gruppe? Wie gebe ich meine Leidenschaft weiter? Die Jugendlichen wachsen sichtbar – in ihrer Sprache, in ihrer Haltung, in ihrem Selbstverständnis.
Und die Kinder haben Spaß, berichten selbst, wie viel sie lernen – vielleicht gerade deshalb, weil ihre „Meister*innen“ oft nur zwei bis vier Jahre älter sind.
Loslassen und Vertrauen
Für das erwachsene Leitungsteam ist das ebenso bewegend. Zu erleben, wie aus ehemaligen Teilnehmerinnen eigenständige Leiterinnen werden, wie sie Verantwortung übernehmen und die künstlerische Arbeit weitertragen, ist besonders. Gleichzeitig bedeutet es auch, loszulassen – den Raum bewusst den Jugendlichen zu überlassen und darauf zu vertrauen, dass sie ihn auf ihre Art füllen.
Die Tage sind lang: Von 10 bis 16 Uhr wird mit den Kindern gearbeitet, dazwischen eine gemeinsame Mittagspause auf der Wiese – mit Essen für alle. An einem der Tage wird das Projekt sogar vom WDR-Fernsehen begleitet. Das Camp ist kostenfrei für alle Kinder – ermöglicht durch die Unterstützung der Aktion Weltkinderhilfe.
Am Ende jedes Tages steht eine Feedbackrunde – zuerst mit den Kindern, dann unter den Jugendlichen. Reflexion gehört hier genauso dazu wie das Tun. Danach sind alle erschöpft, aber erfüllt.
Und doch endet es selten um 16 Uhr. Die Jugendlichen bleiben – irgendwie will man sich nach einem bewegenden Tag nicht trennen. Sie sitzen zusammen, sprechen über das Erlebte mit den Kindern, tanzen, filmen, arbeiten weiter an ihren Stücken, tauschen Ideen aus. Die Aufführungen wachsen nicht nur in den offiziellen Probenzeiten, sondern auch in diesen offenen, gemeinsamen Momenten.
Blick auf die große Bühne
Am letzten Tag zeigen sich alle Gruppen gegenseitig ihre erarbeiteten Szenen. Es wird an einem Gesamtstück gearbeitet, Szenen werden verbunden und Abläufe geprobt – denn die große Premiere kommt noch: am 12. Juli, in 101 Tagen, beim Festival von „Bad Honnef tanzt“ auf großer Bühne.
Diese Woche zeigt, was möglich ist, wenn junge Menschen Verantwortung bekommen – und Vertrauen. Sie zeigt, wie viel Energie entsteht, wenn Lernen, Kunst und Gemeinschaft zusammenkommen. Und sie macht sichtbar, wie nachhaltig kulturelle Bildungsarbeit wirken kann: wenn Kinder zu Jugendlichen werden, die wiederum andere Kinder begleiten.
Ein Kreislauf, der sich hier, im TanzLabor, gerade ganz konkret erleben lässt.
Bad Honnef tanzt










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