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Mehr InformationenBad Honnef. Erstmals seit 88 Jahren sollen jüdische Menschen in Bad Honnef wieder öffentlich gemeinsam ein jüdisches Fest feiern. Am 9. Dezember 2026 ist eine Chanukka-Feier geplant. Initiiert wurde das Vorhaben von der „Initiative für einen Jüdischen KulturRaum in Bad Honnef“, die sich im März 2025 auf Anregung von Heino Gröf gegründet hat. Sie will damit ein Zeichen für jüdisches Leben, Religionsfreiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen. Die Schirmherrschaft für das Fest übernimmt Bad Honnefs Bürgermeister Philipp Herzog.
Heute wurde die Chanukkia auf dem neu gestalteten hinteren Rathausplatz präsentiert. Der Leuchter wurde mit finanzieller Unterstützung von Menschen aus Bad Honnef und der Bürgerstiftung angeschafft. Er soll auch über das Chanukka-Fest hinaus für einige Tage am Rathaus sichtbar bleiben. Herzog sieht darin mehr als eine dekorative Installation. Es gehe darum, jüdisches Leben in der Stadt sichtbar zu machen.
„Wir wollen Chanukka feiern, hier mitten in Bad Honnef, mitten auf dem Rathausplatz“, sagte er. Der Platz sei bewusst gewählt: Hier kämen viele Menschen vorbei und hier gebe es ausreichend Raum für eine öffentliche Feier.
Die Chanukkia ist der besondere neunarmige Leuchter, der beim jüdischen Chanukka-Fest verwendet wird. 8 Kerzen stehen für die acht Tage des Chanukka-Festes. Die 9. Kerze heißt Schamasch („Diener“) und dient dazu, die anderen Kerzen anzuzünden. Jeden Abend wird eine weitere Kerze entzündet – am ersten Abend eine, am zweiten zwei, bis am achten Abend alle acht brennen.
„Jüdisches Leben gehört zu Bad Honnef“
Herzog verwies zugleich auf eine Situation, die ihn besonders beschäftigt: Auch in Bad Honnef gebe es Jüdinnen und Juden, die Angst hätten, ihren Glauben offen zu zeigen. Menschen überlegten beispielsweise, ob sie eine Kippa oder einen Davidstern tragen könnten oder damit lieber vorsichtig seien.
„Das darf niemandem von uns gleichgültig sein“, so Herzog. Das Chanukka-Fest solle deshalb auch dazu beitragen, miteinander ins Gespräch zu kommen und jüdisches Leben nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Vergangenheit zu betrachten.
Die Erinnerung an die jüdische Geschichte der Stadt bleibe wichtig. Gleichzeitig gebe es aber auch eine jüdische Gegenwart. „Wir möchten ein Zeichen setzen, dass jüdisches Leben zu Bad Honnef gehört“, sagte Herzog.
Barasch: „Wir werden unser Judentum nicht rechtfertigen“
Für Jakov Barasch, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bonn, hat die Vorstellung des Chanukka-Leuchters am 7. Oktober eine besondere Bedeutung. Drei Jahre nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 erinnerte er an die Opfer und an die Folgen des Angriffs.
Barasch kritisierte, dass aus dem anfänglichen Mitgefühl mit den Opfern schnell Relativierung geworden sei und von Jüdinnen und Juden erwartet werde, sich zu rechtfertigen oder zu distanzieren. Dem wolle man etwas entgegensetzen. „Wir werden unser Judentum nicht rechtfertigen“, sagte Barasch. Judentum dürfe nicht auf die Rolle des Opfers von Antisemitismus reduziert werden.
Gerade Chanukka stehe für die Beharrlichkeit und die Weigerung, die eigene jüdische Identität auch in schwierigen Zeiten aufzugeben. Das zentrale Symbol des Festes sei das Licht. „Wir bringen Licht in diese Dunkelheit“, sagte Barasch. Er wünsche sich, dass Jüdinnen und Juden gemeinsam mit anderen Menschen und Demokraten für Freiheit, Demokratie und ein Miteinander einstehen.
Barasch betonte zugleich die Bedeutung des jüdischen Lebens in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis. Die jüdische Gemeinde benötige langfristig ein neues Synagogen- und Gemeindezentrum. Das bestehende Gebäude sei stark veraltet. Auch Bildung und jüdische Sichtbarkeit seien wichtige Themen.
Initiative will mehr als Erinnerungskultur
Heino Gröf, Initiator des Projekts „Jüdischer Kulturraum Bad Honnef“, formulierte den Ansatz noch grundsätzlicher. Deutschland verfüge über eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Das Erinnern sei wichtig und unverzichtbar. Doch für ihn und seine Mitstreiter habe sich die Frage gestellt, ob dies allein ausreiche.
„Wir können nicht nur erinnern, erinnern, erinnern“, sagte Gröf. Es müsse auch etwas für die heute in Bad Honnef lebenden Jüdinnen und Juden getan werden.
Gröf schilderte, wie sich die Initiative Ende 2024 aus Gesprächen über die jüdische Vergangenheit der Stadt entwickelt habe. Zunächst sei sogar die Idee entstanden, die frühere Synagoge wieder aufzubauen. Im weiteren Verlauf habe sich der Schwerpunkt jedoch auf das jüdische Leben der Gegenwart verlagert.
Das Chanukka-Fest auf dem Rathausplatz ist nun ein erster sichtbarer Ausdruck dieses Ansatzes.
Feier am 9. Dezember
Die öffentliche Chanukka-Feier findet am 9. Dezember 2026 auf dem Rathausplatz in Bad Honnef statt. Der Chanukka-Leuchter soll bereits zuvor und während der Festtage am Rathaus sichtbar sein.
Bürgermeister Herzog lädt die Bad Honneferinnen und Bad Honnefer ausdrücklich zur Feier ein. Für ihn geht es dabei um ein gesellschaftliches Signal: Menschen sollen ihren Glauben in Bad Honnef frei und ohne Angst leben können.
Das Projekt
Hinter dem Projekt Jüdischer KulturRaum in Bad Honnef steht die Idee, jüdisches Leben in Bad Honnef nicht ausschließlich über die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus sichtbar zu machen, sondern auch über Begegnung mit heute hier lebenden Jüdinnen und Juden.
„Ein Raum – eine Wohnung, ein Haus, eine Öffentlichkeit –, in dem Juden selbstverständlich agieren, kommunizieren, feiern, sich treffen und tätig sein können wie alle anderen hier lebenden Bürgerinnen und Bürger“, beschreibt die Initiative ihr Ziel.
Ausgangspunkt waren Gespräche nach der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht im November 2024. Rainer Quink und weitere Initiatoren beschäftigten sich zunächst mit der Idee eines Wiederaufbaus der früheren Bad Honnefer Synagoge. Im weiteren Verlauf entwickelte sich daraus das Konzept eines jüdischen Kulturraums.
Die Initiative versteht sich nach eigenen Angaben vor allem als „Anschieber“. Ziel sei es, jüdischen Menschen selbst die Möglichkeit zu geben, das Projekt künftig zu gestalten und mit Leben zu füllen. Die Initiatoren wollen dabei unterstützend tätig sein, ohne selbst die Verantwortung für den Kulturraum zu übernehmen.
Nach Angaben der Initiative leben derzeit rund 15 Jüdinnen und Juden in Bad Honnef, im Rhein-Sieg-Kreis sind es knapp 1.500. In den vergangenen Monaten habe man zahlreiche Gespräche geführt und Kontakte zu jüdischen Gemeinden, Verbänden, Historikern und Einrichtungen der Erinnerungsarbeit geknüpft.
Eine wichtige Zusammenarbeit entstand dabei mit Jakov Barasch, dem Vorsitzenden der Synagogengemeinde Bonn/Rhein-Sieg. Daraus entwickelte sich auch die Idee, das jüdische Lichterfest Chanukka in Bad Honnef öffentlich zu feiern.
Für die Initiatoren ist dies mehr als eine einzelne Veranstaltung. Sie sehen darin einen ersten Schritt zu einem „neuen, normalen, selbstverständlichen Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden“.
Der Hintergrund ist der zunehmende Antisemitismus in Deutschland. Nach Angaben der Initiative wurden 2025 bundesweit 6.548 antisemitische Straftaten registriert, darunter 57 Angriffe auf Synagogen. Sie verweist dabei auf Zahlen von Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz.
Gleichzeitig stellt die Initiative die Frage, welche Wirkung die seit Jahrzehnten bestehende deutsche Erinnerungskultur tatsächlich auf antisemitische Einstellungen in der Gesellschaft hat. Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen sei unverzichtbar. Sie müsse jedoch durch konkrete Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe jüdischer Menschen in der Gegenwart ergänzt werden.
Auch in Bad Honnef gibt es mit dem Verein „Jüdische Vergangenheit und Gegenwart“ eine Institution, die sich mit jüdischer Geschichte und Erinnerungsarbeit beschäftigt. Eine Zusammenarbeit mit der neu gegründeten Initiative sei allerdings nicht zustande gekommen.
Die Initiative bezeichnet ihr Vorhaben als Pilotprojekt und kündigt eine spätere Evaluation an. Ziel sei es, herauszufinden, ob und wie sich durch konkrete Begegnungen Veränderungen im gesellschaftlichen Miteinander erreichen lassen.
Die Initiative will in Kürze unter ijkh.de über das Projekt und weitere Aktivitäten informieren. Als Leitgedanken zitiert sie den jüdischen Gelehrten Tarfon: „Es ist nicht unsere Aufgabe, das Werk zu vollenden, aber wir sind nicht davon entbunden, es zu versuchen.“










