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Honnef heute - Presse, Nachrichten, News > Alle Artikel > Siebengebirge > Bad Honnef > Gerade verlieren wir tausende von Menschenleben …
Bad Honnef

Gerade verlieren wir tausende von Menschenleben …

Letztes Update: 13.07.2026
Honnef heute
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7 Min Lesezeit
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Bad Honnef. Die Hitze setzt den Menschen in Deutschland zu. Nach einer Forsa-Umfrage hatten deswegen bereits 30 Prozent der Menschen gesundheitliche Probleme.

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In einem Interview mit FOCUS-online sagt der Meteorologe und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Erwärmung im Wesentlichen so weitergeht wie in den vergangenen Jahrzehnten.  Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe: Zum einen ist das Klimasystem träge. Besonders die Ozeane reagieren nur langsam auf Veränderungen. Deshalb erwärmen sich Landregionen schneller als die Meere. Wenn wir global von knapp 1,5 Grad Erwärmung sprechen, liegen wir über Land bereits darüber. Europa und Deutschland sind deshalb stärker betroffen als der globale Durchschnitt.“

Angesichts der dramatischen Lage und ausbleibender Maßnahmen hat der Diplom-Soziologe, Buchautor, freie Publizist und Politiker Hartwig Bögeholz einen Offenen Brief verfasst und veröffentlicht. Der Autor fordert, extreme Hitzewellen als nationale Notlage anzuerkennen. Er schildert persönliche Erfahrungen, verweist auf die hohen gesundheitlichen Folgen der jüngsten Hitzeperiode und kritisiert aus seiner Sicht unzureichende politische Reaktionen sowie mangelnde Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Menschen.

Offener Brief

Nationale Notlage

Von Hartwig Bögeholz

Anfang der 1970er Jahre habe ich meinen zivilen Ersatzdienst im Krankenhaus eines renommierten, mit viel Grün gesegneten Kurortes absolviert. Hierher zogen Pensionäre und Rentner, um einen angenehmen und geruhsamen Lebensabend zu verbringen.

Wir ´Zivis´ waren über die Stationen verteilt, hatten aber eine gemeinsame Aufgabe:

Die Betreuung der Leichenhalle des Krankenhauses. Dabei erkannten wir rasch einen Zusammenhang: Wenn an einem Tag oder über zwei, drei Tage im Sommer die Temperaturen deutlich anstiegen, hatten wir die Leichenhalle bis an ihre Kapazitätsgrenze zu füllen.

Hohe Temperaturen? Als solche galten damals Werte um 30 Grad Celsius! Drei ´Hitzewellen´ wurden 1971 für die Region dieses Kurortes verzeichnet. Zwei davon erstreckten sich über drei sowie sieben Tage – mit Temperaturen von 28 bis 31 Grad. Die dritte und intensivste schlug kurzzeitig bis 33 Grad aus. Und diese Anstiege reichten aus, an jedem einzelnen Tag mehreren älteren Menschen das Leben zu rauben.

In der aktuellen Hitzewelle haben wir mit 41,8 Grad Celsius den höchsten je in Deutschland gemessenen Wert erlebt. Wer da noch ruft „Wir haben einfach nur Sommer“ und die Klimaerwärmung leugnet oder bagatellisiert, vergeht sich vor allem an älteren Menschen.

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind allein durch diese Hitzewelle in Deutschland rund 5.100 Menschen gestorben. In ganz Europa waren es mindestens 10.000 Menschen. Davon waren 9.000 älter als 65 Jahre, wie das Netzwerk EuroMOMO der EU-Gesundheitsbehörde ECDC und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilt.

All dies wäre ein Grund, eine Nationale Notlage auszurufen und breitangelegte Hilfsmaßnahmen auf den Weg zu bringen – wie es wohl bei jeder anderen Katastrophe geschehen würde.
Was aber passiert? Nichts Relevantes. Und es kommt noch schlimmer.

Es gibt nämlich eine große Gruppe von Menschen, die völlig außer Acht gelassen, über die kein Wort verloren wird. Denn sie versterben nicht – sie leiden ´nur´. Die alleingelassen in überhitzten Wohnungen darben und denen oft nur zufällig Hilfe zuteil wird. Die angesichts der Überhitzung gesundheitlich erkennbar verfallen. Die Wochen zuvor noch eigenständig mobil waren und nun nicht mehr aus dem Bett kommen. Die zuvor geistig rege waren und sich nun kaum noch äußern können.

Hinter den Gardinen ereignen sich vor allem in Städten und Ballungsräumen unendliche menschliche Dramen und Tragödien – in gewiss außerordentlicher Zahl.

Es gibt darüber keine Statistik dazu, aber in meinem Umfeld haben zahlreiche Angehörige ihre Eltern aus Heimen oder ihre Kinder aus Krankenhäusern zu sich nach Hause geholt. Weshalb? In den Einrichtungen herrschten unerträgliche Bedingungen. Weder gab es Vorrichtungen zur Kühlung noch findet das Personal Zeit, etwa Kühlpads anzuwenden. Die Zahl der Beschwerdebriefe von empörten Familien an die Leitungen solcher Einrichtungen dürfte eine Rekordzahl erreicht haben.

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sprach Klartext. Die Hitzewelle mache „schonungslos deutlich, welche Versäumnisse es bei den Investitionen in der Vergangenheit gegeben hat und, dass unsere Krankenhäuser finanziell anders aufgestellt werden müssen.“ Seit Jahrzehnten kämen die Länder ihrer Verpflichtung zur Investitionsfinanzierung nicht ausreichend nach, kritisierte Gaß. „Zu der strukturellen Unterfinanzierung bei Investitionen und Betriebskosten kommt nun auch noch das Sparpaket des Bundes, das vielen Kliniken endgültig die Luft zum Atmen nimmt“, so der DKG-Chef. „Unter diesen Bedingungen kann kein Krankenhaus die dringend notwendigen Investitionen in die Klimatisierung von Patientenzimmern und weitere Maßnahmen zum Hitzeschutz aus eigener Kraft stemmen.“

Wer seinen Alltag nicht in klimatisierten Räumen und seine Fahrtwege nicht in klimatisierten Fahrzeugen verbringt, hat es am eigenen Leib erlebt: Die jüngste Hitzewelle war nicht nur einfach eine Hitzewelle, sondern eine dramatische Notlage auf nationaler Ebene. Und damit nichts anderes als eine nationale Herausforderung. Jedoch rufen die Reaktionen aus dem politischen Raum Fassungslosigkeit hervor. Wohlweisliche Ratschläge und altbekannte Verhaltensregeln. Ein Armutszeugnis, dass sich keine führende Person aus der Politik, kein Bundeskanzler, kein
Bundespräsident an die Bevölkerung wendet. Nicht um Trost zu spenden, sondern um sofortige entschiedene Schritte anzukündigen.

Dabei wissen wir längst, dass Europa von der globalen Erwärmung überdurchschnittlich betroffen ist und dass das Jahr 2027 abermals stärkere Hitzewellen bringen wird. Wirksame Sofortmaßnahmen und entschiedenes Vorangehen beim Klimaschutz sind die einzig logischen Konsequenzen.

Der Charakter einer Gesellschaft erweist sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Gerade verlieren wir tausende von Menschenleben, gerade lassen wir eine große Zahl von Menschen leiden – und sehen einfach zu?

 

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VonHonnef heute
Gründer und Chefredakteur von Honnef heute. Ich berichte unabhängig und mit Leidenschaft über die Lokalpolitik, Wirtschaft, Sport, Kultur und das Leben in Bad Honnef und der Region.
1 Kommentar
  • Dr. Christian Walther sagt:
    13. Juli 2026 um 18:04 Uhr

    Der Beitrag von Hartwig Bögeholz verdient nicht nur Beachtung – er erfordert Konsequenzen. Kein „schön, dass wir drüber gesprochen haben“, sondern echtes Handeln. Und das nicht als Forderung an die Bundesregierung – das sicher auch -, sondern als Initiative vor der eigenen Haustür. Egal, ob Bad Honnef oder Berlin.

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