Bad Honnef. Vor zehn Jahren wurde das umstrittene ehemalige Postgebäude am Saynschen Hof um eine kulturelle Attraktion reicher. Bis zur endgültigen Neugestaltung des Areals zog die Künstlergruppe „antiform“ aus Königswinter in die leerstehende Ladenzeile an der Bahnhofstraße ein – und machte aus einem trostlosen Leerstand einen lebendigen Ort für Kunst, Begegnung und Experimente.

„‚ladenzeile‘ ist unser erstes größeres Projekt in Bad Honnef. Wir werden dort zunächst drei autarke Einzelprojekte durchführen“, erklärte damals die Künstlerin Franca Perschen.
Im ehemaligen Zeitschriften- und Tabakladen Guthy’s entstand mit „AiR2“ ein Artist-in-Residence-Programm. Künstlerinnen und Künstler konnten dort temporäre Projekträume nutzen. Den Anfang machte die Bad Honnefer Künstlerin Ilse Wegmann mit ihrer Installation „Hungertuch“, bei der sie vorgefundene Objekte des Ortes in eine raumgreifende Arbeit verwandelte.
In der früheren Mode-Stube von Helga Riewe eröffnete die „Galerie2“ für digitale Kunst und Fotografie. Gezeigt wurden klassische Fotografie ebenso wie experimentelle Medienkombinationen. Ergänzt wurde das Konzept durch ein kleines Studio, das insbesondere jungen Fotografen kreative Möglichkeiten bot.

Parallel dazu entwickelte Franca Perschen im ehemaligen Buchladen ihr langfristiges #workinprogress-Projekt, bei dem der Raum selbst zum Kunstobjekt wurde. Feine Zeichnungen eroberten nach und nach die Wände und verbanden Vergangenheit und Gegenwart des Ortes auf poetische Weise. Heute haben Boris Mitric, Anna Lauritzen, Eda Keskin und Helmut Reinelt ihre Atelierräume in der Ladenzeile.
In den folgenden Jahren wurde die ladenzeile zu einem kulturellen Treffpunkt. Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und experimentelle Formate machten den Ort weit über Bad Honnef hinaus bekannt. Nun endet dieses Kapitel. Ende Juni wird die ladenzeile Geschichte sein – ebenso wie das gesamte Postgebäude. Der Abriss steht bevor. Geplant ist ein Neubau mit Wohnungen, Büros und Geschäften. Zur Freude vieler soll dort auch ein Rewe-Markt entstehen.
Kultur in Leerständen
Für Helmut Reinelt ist das Ende jedoch kein „Beinbruch“. Das Konzept von ihm und Franca Perschen war stets auf zeitlich begrenzte Kulturprojekte in Leerständen ausgelegt. Bereits in Königswinter bewiesen sie, wie sich verwaiste Immobilien in kulturelle Hotspots verwandeln lassen. Dort gestalteten bekannte Künstler mehrere leerstehende Häuser in der Hauptstraße und sorgten damit für enorme Aufmerksamkeit.
Besonders erfolgreich entwickelte sich das Projekt HOTSPOT KW in der ehemaligen ZERA-Fabrik. Den Auftakt machte eine Ausstellung des Kölner Street-Art-Künstlers Thomas Baumgärtel. Es folgten zahlreiche Ausstellungen, Konzerte und experimentelle Veranstaltungen. HOTSPOT KW entwickelte sich schnell zu einem überregional beachteten Kulturort – insbesondere für junge Künstlerinnen und Künstler.
Der Verlust der ladenzeile dürfte die Kulturszene der Region schmerzen. Über Jahre entstand dort ein Netzwerk kreativer Menschen, das in Bad Honnef ein echtes Alleinstellungsmerkmal darstellte. Gerade in Zeiten großer Baustellen und massiver Veränderungen in der Innenstadt wären kulturelle Angebote von unschätzbarem Wert. Sie könnten die Belastungen durch Baustellen zumindest teilweise kompensieren und Menschen weiterhin in die City ziehen.
Doch diese Chance blieb bislang ungenutzt. Nach dem Abriss der alten Geschäftsgebäude verging inzwischen mehr als ein halbes Jahr, ohne dass sichtbar etwas geschah. Statt kultureller Zwischennutzung dominiert derzeit ein Bauzaun das Stadtbild – und mit ihm das Gefühl des Stillstands.
Dabei hatten Reinelt und Perschen ein Konzept entwickelt, wie sich die Innenstadt während der Bauarbeiten kreativ beleben ließe. Im Nachhinein kann man nur bedauern, dass Politik und Verwaltung diese Möglichkeit bis jetzt nicht aufgegriffen haben.
Nun suchen die beiden Kulturmacher erneut nach Herausforderungen in Bad Honnef. Ihr Ziel: das Siebengebirge kulturell stärker zu vernetzen.

Kultur in Flammen
Ein Wunschprojekt ist die engere Verbindung des „Königssommers“ mit Bad Honnef. Erste Ansätze gibt es bereits – etwa durch die Einbindung der 7 Mountains Music Night oder die Beteiligung Bad Honnefer Künstlerinnen und Künstler. Doch nach Ansicht von Reinelt und Perschen steckt weit mehr Potenzial in der Region.
Sie verweisen auf zahlreiche Leerstände, die sich kreativ nutzen ließen. Gleichzeitig sehen sie eine bemerkenswert aktive Kulturszene in Bad Honnef: beispielsweise den „Rundgang“ mit rund 50 teilnehmenden Kreativen, die Freiluftgalerie in Rhöndorf, die Initiative „Bad Honnef tanzt“, Zeughaus Kleinkunst sowie zahlreiche Musikveranstaltungen.
Auch über die Stadtgrenzen hinaus gebe es spannende Kooperationen – etwa mit Kulturschaffenden in Unkel und Linz oder mit dem Arp Museum auf der anderen Rheinseite. Dort betreiben Reinelt und Perschen mit ihrem Kulturbüro Nr5 unter anderem das Social-Media-Management.
Die Frage bleibt: Wer unterstützt den kulturellen Aufbruch?
Naheliegend wären Eigentümer leerstehender Immobilien, die ihre Räume bis zu einer dauerhaften Vermietung kreativ nutzen lassen. Ebenso wichtig wären neue Ateliers, um die Künstlerinnen und Künstler der ladenzeile in Bad Honnef zu halten. Vielleicht sogar in Verbindung mit anderen Kreativprojekten und Übungsräumen für Bands.
Vor allem aber müsste die Stadt die Chancen erkennen, die sich durch kreative Zwischennutzung ergeben. In Gesprächen fällt dabei immer wieder ein Satz, der fast wie ein Motto klingt: „Energie statt Bürokratie.“
Oder auch Kultur in Flammen statt Rhein in Flammen. Vielleicht ein guter Ausgangspunkt für alle, die Bad Honnef kulturell nach vorne bringen wollen.










