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Bonn – Von wegen „Zeitalter der Sicherheit“: Die Beschreibung des Schriftstellers Stefan Zweig, bezogen auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, scheint fast zu schön, um wahr zu sein – zumindest, wenn man sich die politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im deutschen Kaiserreich genauer anschaut. Das tat der Bonner Historiker Dr. Amerigo Caruso in seiner Studie „‚Blut und Eisen auch im Innern‘ – Soziale Konflikte, Massenpolitik und Gewalt in Deutschland vor 1914“. Eines der Ergebnisse: Als Ausdruck eines erhöhten Sicherheitsbedürfnisses entstand ein moderner Markt für private Sicherheit mit Wachgesellschaften und Detektivagenturen.

Von einem „Zeitalter der Sicherheit”, sogar einem „goldenen“, sprach Stefan Zweig rückblickend in seinem autobiographischen Werk „Die Welt von Gestern“, vollendet 1941 im Exil. Der Begriff „Belle Époque“ für diese europäische Epoche hat seinen Ursprung, auch das betont die jetzt erschienene Studie, ebenfalls in der Retrospektive. Diese idealisierende Perspektive ist angesichts der extremen Gewalt im und nach dem Ersten Weltkrieg verständlich, trifft aber nicht die Wahrnehmung vieler Menschen um 1900, die noch nicht wissen konnten, wie sich die Geschichte entwickelt. „Bedrohungskommunikation, Unsicherheitsgefühle und medialisierte Gewalt“ waren damals ständig präsent, so Amerigo Caruso. Dabei sei das Gefühl, in unübersichtlichen Zeiten zu leben, auch ein europaweites Phänomen gewesen.

Im deutschen Reich drohte Wilhelm II. für den Notfall mit „Blut und Eisen auch im Innern“, um „gesunde Zustände“ herbeizuführen. Als Grund für die verbale Militanz nennt Caruso sich häufende Streiks und ganz grundsätzlich „die Expansion der Gewerkschaften, die bei den wirtschaftlichen und politischen Eliten das dringende Gefühl der Notwendigkeit neuer repressiver und disziplinierender Strategien aufkommen ließ“. Die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften hatten um die Jahrhundertwende bereits 680.000 Mitglieder, 1904 wurde die Millionengrenze überschritten.

Streiks galten als Gefahr für die innere Sicherheit

Unternehmer und konservative Presse sprachen von „Streikterrorismus“, um die Streikenden zu kriminalisieren und sie, so Caruso, zu einem integralen Bestandteil eines generellen Bedrohungsszenarios für die etablierte Ordnung zu machen. Streiks und Protestbewegungen galten dabei, wie der Historiker in seiner Studie ausführt, gleich in mehrfacher Hinsicht als Gefahr für die innere Sicherheit: politisch-ideologisch, militärisch, volkswirtschaftlich und privatkapitalistisch.

Diese „diskursive Konstruktion von Bedrohungen“ stand allerdings im Gegensatz zur sozialen Realität weitgehend friedlicher Streiks und politischer Demonstrationen. Ein wesentlicher Grund, dass es nicht zu einer Eskalation kam, war die Präsenz einer aktiven Opposition in den Parlamenten, Medien und sozialen Milieus des späten Kaiserreichs. Amerigo Caruso sieht das späte Kaiserreich – dem er eine, auch im europäischen Vergleich, relativ liberale Grundordnung attestiert – durch zahlreiche Widersprüche geprägt, die diametral entgegengesetzte Deutungsmuster hervorbrachten: „Für die Verfechter der Demokratisierung war das Kaiserreich ein autoritäres Herrschaftssystem, in dem rechtliche Diskriminierung und Repression zum Alltag gehörten. Für Demokratiegegner hingegen war das wilhelminische System zu liberal.“

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Von Zechenwehren bis zu „deutschen Pinkertons“

Viele Unternehmer sahen ihre Interessen von staatlichen Stellen nicht konsequent durchgesetzt. Auch deshalb kam es zu einer Privatisierung von Ordnungsfunktionen und Repression. Diese sei, so der Autor, von der Forschung bisher „stiefmütterlich“ behandelt worden. Das facettenreiche Spektrum reichte von Zechenwehren über Wach- und Schließgesellschaften bis zu bewaffneten Streikbrechern, von der Arbeiterpresse auch „deutsche Pinkertons“ genannt, nach der berühmt-berüchtigten amerikanischen Detektivagentur. Die Hintergründe für den neuen Sicherheitsmarkt waren neben gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch eine gestiegene Angst vor Alltagskriminalität.

Caruso nennt es charakteristisch für das Kaiserreich, dass auch die privatisierte Gewalt weder extreme Gewalt gegen politische Gegner noch Gegengewalt gegen den Staat hervorrief. Ganz anders dann nach dem Ersten Weltkrieg: „Jetzt überstiegen politische Instabilität und Gewalteskalation bei weitem die Krisenerwartungen und Unsicherheitsgefühle der Belle Époque“. Für den Bonner Historiker besteht das „bedrohliche Erbe“ der wilhelminischen Zeit darin, „dass in weiten Teilen der Gesellschaft Streiks und politische Proteste nicht als Grundlage der demokratischen Kultur akzeptiert wurden“. So seien wiederum, verstärkt durch den Krieg und die Brutalisierung, die Grundlagen gelegt worden für die weitaus schärferen politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik.

Publikation: Amerigo Caruso: „Blut und Eisen auch im Innern“ – Soziale Konflikte, Massenpolitik und Gewalt in Deutschland vor 1914, Campus, 361 S., 29,95 Euro

Svenja Ronge

 

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