
Bad Honnef. Vor kurzem ist ein vom Gutenberghaus Bad Honnef e. V. initiiertes Buch erschienen: „Bad Honnef – Ein Kurort im Wandel – Faszinierende Fotografien 1960–2000“. Ein durchaus löbliches Unterfangen, dessen Ergebnis sich mehr als sehen lassen kann. Auf gut 180 Seiten wird der Wandel Bad Honnefs dokumentiert. Viele Menschen, die diese Zeit zumindest teilweise miterlebt haben, dürften beim Blättern die eine oder andere Erinnerung wiederentdecken.
Schon eines der ersten Fotos, auf Seite 8, zeigt eine Szene, an die ich mich noch genau erinnere: Der „Bundes-Benz“ mit Konrad Adenauer und Charles de Gaulle fährt mit großem Gefolge durch Bad Honnef. Die Wagen passieren die Kreuzung Hauptstraße/Bahnhofstraße.
Genau dort, wo heute Goldschmiedemeister Zumsande seine Werkstatt und seinen Verkaufsraum hat, befand sich früher die Einfahrt zur Werkstatt der Familie Reuffel, deren Betrieb noch heute nur wenige Meter entfernt liegt. Und wenige Meter weiter stand – auf dem Foto leider nicht zu sehen – eine Benzinzapfsäule. Das Werbeschild von Shell ist dagegen gut zu erkennen. Heute kaum noch vorstellbar.
Später, es muss um 1972 gewesen sein, befand sich in dem Haus mit dem Shell-Schild ein Tabak-Einzel- und Großhandel. Inhaberin war Frau Schul-Schöneberg. Als ich ihr Kunde wurde, war sie bereits eine etwas gestandene Frau: groß, schlank, mit einer Zigarette, einer „Fluppe“, in der Hand. Immer. Dazu eine tiefe Stimme.
Nach vier oder fünf Besuchen wusste sie bereits, was ich wollte: einmal „Schwarze Hand und gelbe OCB“. Wer damals selbst Zigaretten drehte, weiß, wovon ich rede. Linke Hand, rechte Hand, schwarze Hand. Und ein Feuerzeug gab es obendrein. Bic, die bunten Einwegfeuerzeuge. Ich hatte damals eine ganze Sammlung.
Man sieht, was ein einziges Foto an Gedanken freisetzen kann. Als ich meinen Studienplatz von Frankfurt nach Bonn verlegte, musste ich zu meinem Leidwesen feststellen, dass es den Tabak-Einzel- und Großhandel nicht mehr gab.
Dafür lösen heute andere Bilder aus dem Band neue Erinnerungen aus. Auf Seite 42 etwa steht in der Bildunterschrift: „Bei Niedrigwasser gibt der Rhein so manches preis. 1991 war es ein altes Seitenschwert, das am Ausgang des toten Rheinarms zum Vorschein kam.“ Der Wasserstand des Rheins auf diesem Foto entsprach ungefähr dem Wasserstand in diesem Sommer.
Günter Groote – mehr als ein Fotograf
Was in dem Buch allerdings ein wenig untergeht, ist die Person hinter vielen dieser Bilder: Günter Groote. Dabei war er eine Institution – nicht nur mit seinem eigenen Fotoatelier, sondern auch als Pressefotograf für den General-Anzeiger und die Honnefer Volkszeitung. Gemeinsam mit Heinz Pfälzer und später Wolfgang Lemmerz und Frank Homann hielt er das Zeitgeschehen in Bad Honnef und Umgebung fest.
Auch ich habe weit zurückreichende Erinnerungen an Günter Groote. Zugegeben: zunächst vor allem aus Erzählungen von ihm und meiner Mutter. Denn meine Mutter begann nach der Volksschule eine Fotografenlehre bei Emil Groote. Ein Jahr später begann auch Günter Groote seine Ausbildung.
Die gemeinsamen Zugfahrten nach Köln zur Berufsschule waren alles andere als gewöhnlich. Bombenangriffe auf die Bahnstrecke und die Flucht in umliegende Gebäude gehörten damals fast zum Alltag und erschwerten die Ausbildung.
Das größte Problem war jedoch das Fotomaterial. Papier und Chemikalien waren kaum zu bekommen. Was noch vorhanden war, wurde im Atelier gebraucht. Soldaten auf Fronturlaub wollten sich mit ihrer Frau, ihrer Familie oder ihrer Freundin fotografieren lassen. Wer wusste schon, ob sie jemals zurückkehren würden?
Auch Passbilder gehörten zum Alltag. Wie meine Mutter erzählte, kam eines Tages ein Mann in das Atelier an der Hauptstraße, in dem sie gerade arbeitete, und stellte sich vor: „Gestatten, Frings. Ich brauche Passbilder.“ Es war Kardinal Frings, der damals in Bad Honnef wohnte.
Wie schwierig die Bedingungen waren, zeigte sich auch bei der Gesellenprüfung. Sie wurde von Bonner Fotografen Schafgans abgenommen. Jedem Prüfling standen gerade einmal drei Blatt Fotopapier zur Verfügung – für die Aufgaben Porträt, Landschaft und Kinder.
Man schaue sich heute einmal die Foto-App auf dem eigenen Handy an!
Das Ergebnis der Prüfung war offenbar wenig differenziert: Wer später ein familiäres Fotoatelier übernehmen sollte, bekam eine Zwei, alle anderen eine Drei. Alle waren zufrieden. Sie lebten noch und hatten offenbar eine Zukunft vor sich.
Vom Kinderporträt bis zur Pressefotografie
Später, nachdem mein Bruder und ich das Licht der Welt erblickt hatten, wurden auch wir zu beliebten Motiven für Günter Groote. Eine Bilderserie zeigt uns beide zusammen mit meinem Lieblingsteddybären. Ein anderes Foto entstand zu St. Martin: Groote fotografierte mich mit einer Mondfackel. Das Bild war anschließend lebensgroß im Schaufenster seines Geschäfts an der Hauptstraße zu sehen.
Jahre später traf ich ihn wieder, als ich meine Laufbahn als Lokaljournalist begann. Bei zahlreichen Terminen in Bad Honnef begegneten wir uns immer wieder. Wir begrüßten uns stets mit einem Lächeln.
Günter Groote strahlte eine Ruhe aus, die ich mir selbst immer zum Vorbild nahm. Manchmal, gegen Ende meines Journalistenlebens, gelang es mir sogar, ein wenig davon zu übernehmen.
Ich hoffe, dass viele Bad Honnefer beim Durchblättern des Bildbandes ähnliche Erfahrungen machen werden. Dass sie auf ein Foto stoßen und sich plötzlich an eine Begegnung, einen Ort oder eine längst vergangene Alltagsszene erinnern. Dass sie entdecken, wie sehr sich die Stadt verändert hat – und wie viel davon in der eigenen Erinnerung weiterlebt.
Und all das in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum von 40 Jahren. Heute ist das für manche schon die Hälfte eines Lebens, wenn es schlecht läuft. Aber daran denken wir jetzt lieber nicht.
Die Geschichte der Fotografenfamilie Groote
Die folgenden Daten zum bewegten Leben der Fotografenfamilie Groote wurden von Uschi Thienen, freier Mitarbeiterin im Gutenberghaus Bad Honnef e. V., zusammengestellt.
Emil Groote (10. August 1870 – 28. November 1948)
1870: Geburt am 10. August. Emil Groote wollte zunächst Künstler werden und absolvierte eine Ausbildung zum Fotografen.
1893: Ausreise von Genua nach Burma.
1896–1900: Rückkehr nach Deutschland und Tätigkeit in Mannheim, unter anderem im „Atelier für Fotografie und Malerei“, Nachfolger Gras.
1904: Erneute Ausreise, diesmal nach Bangkok, in die Hauptstadt des damaligen Siam.
1906: Ernennung zum Hoffotografen.
1917: Siam erklärt Deutschland den Krieg. Emil Groote wird inhaftiert.
1920: Ausreise nach Worms und Heirat mit Katharina Heimerle.
1924: Am 30. März ist er in Gießen als Fotograf tätig.
1927: Rückkehr nach Bangkok, um seine Arbeit wieder aufzunehmen.
1928: Die Familie folgt ihm nach Bangkok. Am 9. Dezember wird dort Hans Günter Groote geboren.
1934: Umzug der Familie nach Hagen; Übernahme des „Portrait-Ateliers ELITE“.
1937: Rückkehr nach Honnef und Übernahme des Ateliers Max Emil Lichtenberg in der Hauptstraße 19. Günter ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt.
1941: Günter Groote beginnt seine Ausbildung bei seinem Vater.
1947: Gesellenprüfung (Angabe laut überlieferter Chronik, noch zu überprüfen).
1948: Emil Groote stirbt am 28. November. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Friedhof in Bad Honnef.
1949: Günter Groote legt seine Meisterprüfung im Atelier Schafgans in Bonn ab und übernimmt das Geschäft.
Ab 1953: Günter Groote arbeitet als Pressefotograf für den General-Anzeiger Bonn und die Honnefer Volkszeitung. Das Fotoatelier in der Hauptstraße bleibt bestehen.
2017: Günter Groote stirbt am 8. Dezember im Alter von 89 Jahren. Auch er findet seine letzte Ruhe auf dem Neuen Friedhof in Bad Honnef.
Man sieht: ein bewegtes Leben!









