Digitaler Gottesdienst zum Abschluss des Projekttags mit Kaplan Hufschmidt. Foto: Astrid Heilmann-Cappel

Nonnenwerth – Der 27. Januar, der Tag, an dem im Jahr 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, wurde vor 25 Jahren auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärt. Er steht symbolisch für eine wachsame Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen.

Am Franziskus Gymnasium Nonnenwerth wird dieser Gedenktag seit vielen Jahren als Projekttag für die Jahrgangsstufe 11 gestaltet, bei dem in verschiedenen, meist von Lehrerinnen und Lehrern gestalteten Workshops unterschiedliche Facetten des Themas beleuchtet werden. Der Pandemiesituation zum Trotz fand er auch in diesem Jahr statt – digital, per Videokonferenz.

Im Workshop von Geschichtslehrer Sören Ahlhaus lernten die Schülerinnen und Schüler das Computerspiel „Through the Darkest of Times“ kennen und diskutierten dessen Potenzial in Hinsicht auf historisch-politische Bildung. Im Spiel nahmen sie die Rolle eines Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus während des „Dritten Reiches“ in Berlin ein. Sie planten und führten Aktionen durch, um Anhänger zu gewinnen, Verfolgten zu helfen und das Regime zu schwächen. Dabei lernten sie nicht nur viel über die Vergangenheit, sondern vor allem über sich selbst: „In einer Situation mussten wir entscheiden, ob wir uns einmischen, als ein alter jüdischer Mann von einer Gruppe SA-Männer angegriffenen wird. Die Situation erschien uns so bedrohlich, dass wir das Weite gesucht haben. Dafür habe ich mich anschließend geschämt. Diese Erfahrung ließ uns spüren, wie groß der Mut von denen gewesen sein muss, die damals Widerstand geleistet und Verfolgte versteckt haben. Meine Hochachtung für sie ist jetzt noch viel größer“, so eine Schülerin. Das Erleben der diffus-bedrohlichen Diktatur-Erfahrung in der Simulation wurde von den Workshop-Teilnehmer*innen als sehr intensives Erlebnis wahrgenommen.

„Nice to meet Jew!“, hieß es im Workshop von Sozialkundelehrerin Astrid Heilmann-Cappel. Gerade angesichts von Anschlägen auf jüdische Gemeinden und Pöbeleien gegenüber jüdischen Mitbürger*innen in der jüngeren Vergangenheit hatte sie gemeinsam mit einer ehemaligen Nonnenwertherin, jetzt Botschafterin der jüdischen Gemeinde in Köln, unter dem Motto „Meet a Jew“ ein persönliches Treffen mit jungen Jüdinnen und Juden organisiert. In einer von großer Herzlichkeit geprägten Atmosphäre lernten sich Workshopteilnehmer*innen und Gäste kennen. Ein großer Dank gilt den jüdischen Gästen, die sich Zeit für den Workshop genommen haben!

Das Erleben der diffus-bedrohlichen Diktatur-Erfahrung in der Simulation wurde von den Workshop-Teilnehmer*innen als besonders intensives Erlebnis wahrgenommen. Grafik: Pressebild mit Genehmigung von Paintbucket Games (https://press.paintbucket.de/)

Pfarrer Michael Schankweiler aus Oberwinter, den die Nonnenwerther Schüler*innen aus vielen Gottesdiensten kennen, thematisierte in seinem Workshop den Beitrag des Judentums zur deutschen Kultur auf: Den Teilnehmer*innen begegneten eine Vielzahl von Frauen und Männern, die das deutsche Kultur- und Geistesleben entscheidend mitgeprägt haben. In einem weiteren Workshop informierte er über historischen Antisemitismus und Antijudaismus. Insbesondere das Verhältnis der evangelischen und katholischen Kirche zum Judentum und dessen Wandel arbeiteten die Schüler*innen anschließend aus verschiedenen Quellen heraus.

„Sollte die Erinnerung an den Holocaust als unsere „traurige Pflicht“ weiter am Leben gehalten werden?“, fragte Schulseelsorger Marius Trzaski in seinem Workshop zu dem Film „Zug des Lebens“ (Radu Mihaileanu). Anhand der bitteren Komödie vor den Hintergrund der Shoa, die das Tragische im Komischen spürbar werden lässt und dem typischen jiddischen Humor ein Denkmal setzt, diskutierten die Teilnehmer*innen, ob man sich dem Thema Holocaust mit den Mitteln einer Groteske, einer Tragikomödie nähern darf.

In dem Workshop von Geschichtslehrer Guido Tempel vertieften die Schüler*innen ausgehend von einem Zeitzeugeninterview mit Anita Lasker-Wallfisch über ihr Überleben in den Vernichtungslagern Auschwitz und Bergen-Belsen, wie sie das Vernichtungslager überleben konnte. Daran anknüpfend untersuchten sie, wie Lasker-Wallfisch als Überlebende mit dem Erlebten umging und Deutschland bzw. den Deutschen zunächst in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg gegenüberstand und aktuell gegenübersteht. In einem zweiten Baustein beschäftigte sich die Gruppe ausgehend von dem Schicksal des Vaters von Marcel Reif (bekannt als langjähriger Sportkommentator) mit zwei Personen, Berthold Beitz und Oskar Schindler, die mehreren Tausend Juden das Leben retteten.

Davidstern – Das Foto entstand während eines Workshops anlässlich des Gedenktages im vergangenen Jahr. Foto: Sören Ahlhaus

Musiklehrer Gerhard Halene thematisierte in seinem Workshop Hans Krásas Kinderoper „Brundibár“: Er komponierte sie im Jahre 1938, erstmals aufgeführt wurde sie 1942 im jüdischen Kinderheim in Prag. Nach seiner Deportation 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt schrieb er die Partitur nach dem Klavierauszug erneut nieder; nur diesen hatte er ins Ghetto mitnehmen können. Auch fast alle Beteiligten der Uraufführung waren inzwischen dorthin verschleppt worden. Hier wurde die Oper erneut einstudiert und 55-mal gespielt. Sie gab den teilnehmenden Kindern ein Stück Normalität und Lebensfreude. Hans Krása und fast alle Ausführenden wurden kurzdarauf in Auschwitz ermordet.

Die skrupellose und menschenverachtende medizinische „Forschung“ während des Nationalsozialismus und deren Konsequenzen – bis heute – thematisierte Biologie-Lehrerin Dr. Konstanze Witzel-Schlömp in ihrem Workshop. Die Medizin im Nationalsozialismus war geprägt durch das Bemühen der nationalsozialistischen Politik, das Gesundheitswesen für ihre Ziele nutzbar zu machen. Oberstes Ziel medizinischer Bemühungen sollte nicht mehr die Behandlung einzelner Patienten sein, die NS-Medizin war vielmehr zur Gesunderhaltung des „deutschen Volkskörpers“ bestimmt ( „Rassenhygiene/Eugenik“). Mittel dazu waren Zwangssterilisationen von Menschen „minderwertiger Rassen“ sowie als „Euthanasie“ bezeichnete Morde an Kranken und Behinderten. Hinzu kamen skrupellose Menschenversuche an KZ-Insassen (durch beispielsweise Josef Mengele, Sigmund Rascher), die vor allem wirtschaftlichen oder militärischen Interessen dienten.

Den Fragen, wie es zu diesen menschenverachtenden Programmen und Versuchen kommen konnte und was nach dem Krieg mit den darin aktiven Ärzten geschah, gingen die Schüler*innen nach.

Abgeschlossen wurde der Gedenktag durch einen Online-Gottesdienst mit Kaplan Hufschmidt, in den Elemente aus den Workshops einflossen.

 

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