LeserInnenbrief
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LeserInnenbrief

Mein Name ist Stephan Kurenbach, ich bin Pädagoge und leite seit 2 Jahren eine kommunale Kindertagesstätte in Rheinland Pfalz.

Zum 1.7. werde ich meinen Arbeitsplatz wechseln und nicht mehr für das Land Rheinland Pfalz arbeiten. Dieser Wechsel hat mit der Corona Pandemie und den Auswirkungen jedoch nichts zu tun.

Warum ich schreibe?

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo sich Erzieher und Pädagogen wehren müssen. Wehren gegen Verordnungen und Beschlüsse, die so nicht mehr hinzunehmen sind. Leider sind die Gewerkschaften der Erzieher nicht so stark und medienpräsent wie die der Lehrer oder Pfleger. Allen Berufen gilt immer großer Dank, applaudierende Menschen am Krankenhaus, Joko und Klaas berichten 7 Stunden über den Beruf des Pflegers im Krankenhaus, aber wer denkt an die KITAS?

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Die Politik steht vor der Entscheidung:

1. Handel ich im Interesse der Eltern – vieler Wähler
2. Handel ich im Interesse der Erzieher – wenig Wähler

Die Erzieher wurden hierzu selten angehört. Ich selber habe an 5 Videokonferenzen teilgenommen, von vornerein standen Entscheidungen. „Ja sie haben recht, aber es wird von oben entschieden – SORRY“, so der Standartsatz.

Aber fangen wir an. Setzen wir uns in Daniel Düsentriebs Zeitmaschine und fliegen zurück zum 20. Februar 2020. Alle KITAs zu. Absolut zu. Dann, ein paar Tage später, Notbetreuung  – aber mit Nachweis. Wer ist systemrelevant, wer nicht? Die Leitung entscheidet mit dem Träger. Die Politik hält sich bei dieser entscheidenden Frage zurück. Viele verärgerte Eltern. Der Firmeninhaber nicht systemrelevant, sein Hausmeister – jetzt Facility-Manager – ist systemrelevant.

Wer bekam den Ärger der Eltern ab? Die Kita Leitung.

Viele aus dem Team gehörten der sogenannten Risikogruppe an. Das hieß bei uns, dass nur 30 Prozent des Personals arbeiten konnte. „Bitte betreuen Sie die Kinder gerade der Pflegekräfte, so lange es geht“. Alles schön und gut, hieß für die verbliebenden Erzieher: Stunden buckeln. Natürlich gab es Ende des Jahres kein Dankeschön, sondern im O-Ton hieß es: „Wie können diese Erzieher so viele Überstunden haben, das geht nicht!“

Wer bekam den Ärger der Verbandsgemeinde ab? Kita Leitung.

Nun kam das Flatterband.

Die Gruppen wurden getrennt, keiner der Gruppe A durfte mehr Kontakt zur Gruppe B haben. Wie geht das, wenn man nur einen Wickeltisch hat oder einen sanitären Anlagenbereich? Es wurden kreative Lösungen gefunden. Alle hielten sich an die Regeln. Alle? Die Eltern holten die Kinder ab und standen vor der Tür, gemischt (Gruppe A und Gruppe B). „Das ist ja Sache der Eltern, ist ja außerhalb des Grundstücks”. AHJA.
Daraufhin hab ich den Eltern die strengeren Regeln mitgeteilt, auch, dass es unter den Bedingungen kein Essen des Lieferanten mehr geben kann. Teilweise waren auch die Öffnungszeiten begrenzt, weil das Personal fehlte.

Wer bekam den Ärger der Eltern ab? Kita Leitung.

Und so ging es Tag für Tag und Woche für Woche. Insgesamt sind es 5 volle Ordner mit Beschlüssen und Maßnahmen.

Nun geben die Eltern ihre Kinder in die KITA, obwohl die Kinder zu Hause bleiben sollen. Es gibt kein “Systemrelevant” mehr, sondern jeder kann kommen. Oder nicht? Die Politik sagt, nur im Notfall. Aber für manche Eltern beginnt der Notfall beim täglichen Saunagang.

Unterstützung der Politik: NULL!

Und, mein Gott, dann kam der Coronafall. „Wie kann das passieren?“, „Wer war das?“. Mein Gott, ausgerechnet bei uns. Meine Aussage an ein Elternteil: „Sie sollen ihre Kinder ja auch nicht bringen“. Antwort: „Das entscheide ich und nicht Sie oder ein Politiker“.

Nun haben wir über ein Jahr hin und her entschieden. Mal Flatterband, mal nicht. Und nun kommen heute die verschärften Maßnahmen. Erneut müssen die Gruppen geteilt werden, aber vor allem sollen die Erzieher nun die Masken den ganzen Tag tragen.

Wie kann das sein? Es hieß doch letzte Woche, dass es gerade für die Kinder unter 2 Jahren wichtig ist, das Gesicht des Erziehers zu sehen.

Und nicht zu vergessen, Frau Merkels Worte: „Kinder sind nicht ansteckend“.

Wer denkt an die Erzieher?

Nun kommen wir aber zum eigentlichen Dilemma: Wir leben in einer Grenzregion zwischen Rheinland Pfalz und NRW. NRW bezahlt Erzieher im Schnitt um einiges besser – sucht aber händeringend Personal. Allein in Bonn werden derzeit über 200 Erzieher gesucht.

Nun kommt ein neues KITA Gesetz, das Frau Hubrich (Ministerin für Bildung in RPL – Anm. d. Red.) um jeden Preis zum 1.7. durchgedrückt hat. Dieses Gesetz gibt kleinen Kitas die Möglichkeit, personell aufzustocken. Und Rheinland Pfalz tut gerade alles dafür, dass es demnächst eine Massenabwanderung nach NRW gibt. Die Rahmenbedingungen der Politik sind realitätsfern und gleichen einem ständigen Aktionismus.

Stephan Kurenbach

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