Bad Honnef. „Frau am Steuer – Ungeheuer?“ – was jahrzehntelang als spöttischer Kalauer daherkam, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als historischer Irrtum. Denn schon in der Frühzeit des Automobils saßen Frauen selbstverständlich hinter dem Lenkrad, nahmen an Rennen teil, reparierten Motoren und brachen zu abenteuerlichen Fernreisen auf. Genau dieser wenig bekannte Teil der Mobilitätsgeschichte steht im Mittelpunkt des neuen Buches von Dr. Sonja Ulrike Klug.

In „Fräulein Reuschel gibt Gas. Wie abenteuerlustige Frauen die frühe Motorwelt aufmischten“ zeichnet die Autorin ein lebendiges Bild jener Zeit, als Autofahren noch Pionierarbeit bedeutete. Zwischen 1870 und 1930 war Mobilität kein Alltagsphänomen, sondern ein Wagnis: unbefestigte Straßen, störanfällige Technik und skeptische Zeitgenossen gehörten dazu. Dass Frauen unter diesen Bedingungen nicht nur mitfuhren, sondern selbst steuerten, tüftelten und organisierten, geriet später weitgehend in Vergessenheit.
Klug porträtiert Persönlichkeiten wie Bertha Benz, Dorothy Levitt, Clärenore Stinnes oder Alice H. Ramsey – Frauen, die Rekorde aufstellten, Weltreisen unternahmen oder als Rennfahrerinnen für Aufsehen sorgten. Dabei verbindet sie biografische Episoden mit Einblicken in Technik- und Kulturgeschichte. Deutlich wird: Während gesellschaftliche Konventionen Frauen noch enge Grenzen setzten, erweiterten sie in der Praxis bereits ihren Bewegungsradius – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Besonders reizvoll ist der Kontrast, den das Buch herausarbeitet: Korsett und bodenlange Röcke trafen auf ölverschmierte Hände, Staubpisten und Höchstgeschwindigkeit. Was heute skurril anmutet, war damals Ausdruck von Entschlossenheit und technischem Können. Die porträtierten Frauen ließen sich weder von modischen Vorschriften noch von moralischen Belehrungen aufhalten.
Dr. Sonja Ulrike Klug ist als langjährige Unternehmenspublizistin und Autorin kulturhistorischer Werke bekannt. Rund 25 Bücher hat sie bislang veröffentlicht, einige davon wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Mit ihrer Begeisterung für historische Fahrzeuge – sie selbst fährt einen Youngtimer – nähert sie sich dem Thema nicht nur wissenschaftlich, sondern auch mit persönlicher Leidenschaft.
Ihr neues Werk richtet sich an Leserinnen und Leser mit Interesse an Technik- und Mobilitätsgeschichte, an Oldtimer-Fans und an alle, die einen differenzierteren Blick auf die Rolle von Frauen in der Moderne werfen möchten. Es ist eine Einladung, die Geschichte der Motorisierung neu zu betrachten – und jene Frauen sichtbar zu machen, die schon früh bewiesen haben, dass sie mehr konnten als nur Beifahrerin sein.
Sonja Ulrike Klug: Fräulein Reuschel gibt Gas. Wie abenteuerlustige Frauen die frühe Motorwelt aufmischten.
Bad Honnef: Kluges Verlag, 2026. 150 Seiten
Taschenbuch: 18,90 EUR (ISBN 978-3-910321-40-3)
E-Book: 9,99 EUR (ISBN 978-3-910321-41-0)











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