Wenn es nicht so todernst wäre: Unsere Corona-Strategie ist doch allmählich ein Treppenwitz. Statt miteinander Lösungen zu suchen, wird aufeinander eingedroschen.

Jeder Fernsehsender hat seine eigenen Virologen, und jedes Moderatorenteam sucht sicherlich mal nach guten Momenten, aber in der Mehrzahl nach Schuldigen, warum dieses und jenes nicht klappt, täglich, stündlich. Ein Spitzenprodukt war meiner Meinung nach ein ARD-Extra am Anfang der vergangenen Woche, als der Moderator, statt zu informieren, fast nur noch und immer wieder nach den Schuldigen suchte und sogar den Österreichischen Bundeskanzler Kurz in ein Kreuzverhör nahm. Sebastian Kurz musste sich für Lockerungen rechtfertigen, sagte aber immer wieder, dass es so nicht weiter gehen könne, der Virus wäre noch lange unter uns, aber es könne deswegen nicht ein permanenter Lockdown sein und dadurch Existenzen und Familie geschädigt oder zerstört und ein Bildungsnotstand provoziert werden. Eine sukzessive Öffnung mit Tests und Vorsichtsmaßnahmen soll stattfinden.

Seien wir doch mal ehrlich: Es gibt zwei Gründe, warum bei uns in Deutschland so vieles nicht läuft – Corona bringt es an den Tag! Zum einen, „dass wir uns in unserem Staat zu Tode bürokratisiert haben. Unser Perfektionismus holt uns schmerzlich ein.“ (Zitat Pforzheimer Zeitung, GA-Bonn,13./14.3.2021). So ist m.E. die Meldung vom Samstag, das Beispiel aus Bonn, doch der Gipfel: Da sind in der Bundesstadt  wohl 1000 Impftermine frei, man kann aber – das ist kaum zu glauben – diese Impfdosen nicht an den wenige Meter entfernten Rhein-Sieg-Kreis weitergeben. Vielmehr – typisch Deutsch? – „muss jetzt erst das Land NRW, prüfen, ob es gerechtfertigt ist, die Präparate dem Kreis zur Verfügung zu stellen“. Ist da, wie es  Nicolas Ottersbach in einem Kommentar (GA Bonn,13./14.3.2021) formuliert, „die NRW-Landesregierung … so flexibel wie eine Bahnschranke“? Ein Rheinländer ist da geneigt zu sagen: „Doo sen de Aape am Danze!“ Ich könnte noch andere Beispiele nennen. Ist denn der Satz „Ein Toter ist schon zu viel!“ nicht ernst gemeint! Das kann ich mir nicht vorstellen.

Erstaunlich, wer jetzt während der Impfkampagne, die sicher nicht immer gut gelaufen ist, Israel als „Weltmeister“, als „Impfweltmeister“ feiert.

Es ist sicher nicht angebracht, die Probleme bei ca. 9,3 Millionen mit unseren 83 Millionen zu vergleichen. Aber es würden unsere “Weltmeister im Datenschutz” in Ohnmacht fallen, wenn sie wüssten, wie die Impfkampagne – nach meinen Informationen – in Israel abläuft. Weiß man denn bei uns, dass die Menschen dort nur ihre Patientenkarte  – EC-Karten groß –  in ein Lesegerät stecken, das dann digital mit der Versicherung verbindet und ggf. sofort die Impfung frei gibt? Ja, und dann???  Der Impfling geht – Ruckzuck – zum Impfen zum Discounter, zu Ikea oder ins Zelt am Strand. Dort impfen nicht nur Ärzte, das machen auch Sanitäter und ähnlich Ausgebildete. Bei uns undenkbar?

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Es gibt sicher bei uns immer eine Sorge, dass alles in Ordnung und erfolgreich ist. Aber haben wir uns nicht in den letzten Jahrzehnten immer mehr vom Volk der (Dichter?) Forscher und Denker zum Volk der unflexiblen Bedenkenträger entwickelt? Wir sollten die Bürokratie zurückfahren und den Datenschutz kritisch überarbeiten. Wir müssen ja nicht Weltmeister werden, sondern als Kämpfer um die vorderen Plätze Zufriedenheit und Anerkennung finden. So würden wir schneller unseren Optimismus wiederfinden, auch für unsere Gesundheit., mit Vorsicht und mit konsequenten Hygienemaßnahmen.

Lothar Vreden, Königswinter
Am 13.3.2021

(Lothar Vreden ist auch Leiter des Virtuellen Brückenhofmuseums)

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