Die Geschichte der jüngsten Abiturientin Deutschlands ist beeindruckend. Sie zeigt, was möglich ist, wenn ein Kind entsprechend seinen Fähigkeiten gefördert und gefordert wird. Auch die Kritik daran, dass unser Schulsystem hochbegabte Kinder nicht ausreichend berücksichtigt, verdient Aufmerksamkeit.
Zu kurz greift allerdings die Schlussfolgerung, die stärkere Berücksichtigung der sozial-emotionalen Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten sei mitverantwortlich für den Rückgang des Bildungsniveaus. Hier werden Ursache und Wirkung miteinander verwechselt.
Wer heute Grundschüler unterrichtet, erlebt eine Realität, die mit der einer früheren Generation kaum noch vergleichbar ist. Es gibt Kinder, die Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Gefühle zu benennen und zu regulieren, Konflikte ohne Gewalt auszutragen oder überhaupt angemessen mit anderen Kindern und Erwachsenen zu kommunizieren. Manche Kinder kommen in die Schule und können grundlegende Alltagshandlungen noch nicht sicher bewältigen: sich selbstständig anziehen, Schuhe binden, mit Besteck essen, auf Körperhygiene achten oder einen Stift richtig halten.
Das sind keine Luxusprobleme einer vermeintlich „ideologisierten“ Pädagogik. Das sind elementare Voraussetzungen dafür, dass Unterricht überhaupt stattfinden kann.
Auch ADHS, Autismus, Entwicklungsverzögerungen und andere soziale oder emotionale Auffälligkeiten stellen Schulen vor Herausforderungen, die es in dieser Breite und in dieser gesellschaftlichen Zusammensetzung früher so nicht gegeben hat. Lehrerinnen und Lehrer sind deshalb heute mit Aufgaben konfrontiert, die weit über die reine Vermittlung von Fachwissen hinausgehen. Dass sie dabei vielfach überfordert sind, ist kein Beweis dafür, dass sozial-emotionale Förderung falsch wäre. Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass dafür zu wenig Personal und zu wenig professionelle Unterstützung zur Verfügung stehen.
Gerade an Brennpunktschulen wird das deutlich. Dort kann man nicht einfach voraussetzen, dass jedes Kind mit denselben sozialen und familiären Voraussetzungen in die Schule kommt. Wenn Eltern selbst unter enormem wirtschaftlichem oder sozialem Druck stehen, wenn Sprachbarrieren bestehen, wenn Familien mit Arbeitslosigkeit, Migration, Trennung oder anderen Belastungen umgehen müssen, kann die Schule nicht so tun, als müsse sie ausschließlich Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften vermitteln.
Die Schule muss dann zunächst Voraussetzungen schaffen, auf denen Bildung aufbauen kann.
Das erinnert durchaus an eine Aufgabe, die die Schule bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte: Kinder aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzuführen und ihnen grundlegende Kenntnisse, Hygiene, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Umgangsformen zu vermitteln. Der Unterschied besteht darin, dass die heutigen Herausforderungen andere Ursachen haben und unsere pädagogischen Möglichkeiten wesentlich größer sein müssten.
Deshalb ist die Schlussfolgerung falsch, die sozial-emotionale Förderung habe uns vom eigentlichen Bildungsauftrag abgebracht. Das Gegenteil ist der Fall: Ohne sozial-emotionale Grundlagen kann fachliche Bildung bei vielen Kindern überhaupt nicht erfolgreich sein.
Das Problem ist nicht, dass wir uns um diese Entwicklung kümmern. Das Problem ist, dass wir dafür zu wenig investieren.
Mehr Personal, multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit, sonderpädagogische Unterstützung und kleinere Lerngruppen könnten Lehrkräfte überhaupt erst in die Lage versetzen, beiden Aufgaben gerecht zu werden: Kindern mit erheblichen Entwicklungsproblemen die notwendigen Grundlagen zu vermitteln und gleichzeitig leistungsstarke und hochbegabte Kinder angemessen zu fördern.
Denn beides gehört zusammen.
Ein liberal-humanistisches Bildungsverständnis kann nicht bedeuten, dass man nur diejenigen besonders fördert, die bereits über die besten Voraussetzungen verfügen. Es muss bedeuten, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln – unabhängig davon, aus welchem Elternhaus es kommt.
Das hochbegabte Kind braucht vielleicht anspruchsvollere Aufgaben, mehr Freiheit und ein höheres Lerntempo. Das andere Kind braucht möglicherweise zunächst jemanden, der ihm hilft, seine Gefühle zu verstehen, Konflikte zu lösen, selbstständig zu werden oder überhaupt Freude am Lernen zu entwickeln.
Individuelle Förderung bedeutet eben nicht, alle Kinder gleich zu behandeln. Sie bedeutet, ihnen das zu geben, was sie für ihre Entwicklung brauchen.
Deshalb sollte uns die Geschichte der jüngsten Abiturientin nicht dazu verleiten, das Schulsystem pauschal zu verurteilen. Sie sollte vielmehr zeigen, was möglich wird, wenn ein Bildungssystem die individuellen Bedürfnisse eines Kindes erkennt und darauf reagiert.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Warum passt sich die Schule nicht stärker an Hochbegabte an?“
Sie lautet: Warum schaffen wir es nicht, jedem Kind die Bedingungen zu geben, unter denen es seine Möglichkeiten tatsächlich ausschöpfen kann?
Dafür brauchen wir nicht weniger sozial-emotionale Förderung, sondern eine bessere Verbindung von sozialer, emotionaler und fachlicher Bildung – und vor allem die personellen Ressourcen, die dafür notwendig sind.
Thomas Napp, Rheinbreitbach










