Erwiderung auf den Leserbrief von Thomas Napp
Aufmerksam habe ich Ihren Leserbrief in *Honnef heute* gelesen.
Wer über NS-Zwangsarbeit spricht, sollte zuerst über die Opfer sprechen – nicht über die Frage, wie viel Handlungsspielraum Unternehmer hatten. Im Mittelpunkt stehen die verschleppten Menschen, die bei Lemmerz unter Zwang arbeiten mussten, nicht die historische Einordnung von Paul Lemmerz.
Diese Menschen wurden in einem kriegswichtigen Rüstungsunternehmen ausgebeutet – unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das ist der eigentliche Skandal.
Sie schreiben, die Lemmerzwerke hätten Zwangsarbeiter „beschäftigt“. Dieses Wort verharmlost den Sachverhalt. Beschäftigung bedeutet Freiwilligkeit, Vertrag und Lohn. Nichts davon traf auf die verschleppten Menschen zu. Sie wurden gezwungen, für ein Unternehmen zu arbeiten, das nach dem Krieg keine Vermögenssperre hinnehmen musste, nie den geschuldeten Lohn zahlte, sich nie an einer Entschädigung beteiligte und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) nie beitrat. Stattdessen erinnern bis heute zwei Schwimmbäder, weitere Stiftungen und die Ehrenbürgerwürde für Paul Lemmerz an das Unternehmen und seinen Gründer.
Sie schreiben, die Aufarbeitung sei bislang „nur sehr rudimentär“. Da stimme ich Ihnen zu. Aber Ihre vorgeschlagene Lösung bleibt ebenfalls rudimentär: ein wieder angebrachtes Denkmal, ein ergänzender Hinweis und etwas mehr Raum im Museum. Eine Tafel unter den heutigen Bedingungen wäre wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Für Menschen, deren Namen und Schicksale bis heute weitgehend unbekannt geblieben sind, reicht das nicht aus.
Sie schreiben, Unternehmer hätten unter erheblichem staatlichem Druck gestanden. Für die Lemmerzwerke belegen Sie das jedoch nicht. Sie nennen keine Anordnung, kein Dokument und keinen konkreten Fall. Die bislang bekannten Quellen legen vielmehr eine enge Einbindung des Unternehmens in das NS-System nahe. Paul Lemmerz trat bereits 1932 der NSDAP bei, der Betrieb erhielt ein DAF-Gaudiplom, und die Produktion wurde im Rahmen der Kriegswirtschaft gezielt erweitert. Auch die Verlagerungsanordnung des Oberkommandos des Heeres von 1943 zur Produktionserweiterung in Ingelbach und Wunsiedel erfolgte aus kriegswirtschaftlichem Kalkül. Diese Befunde sprechen eher für eine enge Zusammenarbeit mit dem NS-System als für ein Unternehmen, das vor allem unter staatlichem Zwang stand.
Sie führen die Arado-Flugzeugwerke als Beispiel für begrenzte Handlungsspielräume an. Arado ist jedoch nicht Lemmerz. Ein Einzelfall aus einer anderen Branche kann die Situation der Lemmerzwerke nicht belegen.
Sie fragen nach den Motiven der Verantwortlichen, nach ihren Zwängen und nach ihrer Verantwortung nach 1945. Die Zwangsarbeiter selbst kommen in Ihrem Leserbrief dagegen nicht vor. Genau darin liegt das eigentliche Problem. Wer über NS-Zwangsarbeit schreibt, sollte zuerst die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt stellen.
Sie verweisen auf Essen als Vorbild. Tatsächlich wurde Alfried Krupp im Krupp-Prozess 1948 verurteilt. Das Unternehmen zahlte später Entschädigungen und gehörte 1998 zu den Mitbegründern der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, aus der die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) hervorging. Die wissenschaftliche Aufarbeitung trat dort nicht an die Stelle konkreter Konsequenzen, sondern ergänzte sie. Bei Lemmerz fehlen bis heute sowohl eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung als auch eine erkennbare Übernahme historischer Verantwortung.
Sie sind Heimatforscher und beschäftigen sich selbst intensiv mit der NS-Zeit in Rheinbreitbach. Sie schreiben, die Aufarbeitung sei „rudimentär“. Dann lassen Sie uns diese Arbeit gemeinsam angehen – Sie, ich, die Stadt und alle, die dafür Verantwortung tragen.
Erst wenn wir die Namen, Schicksale und Lebenswege der Zwangsarbeiter erforschen und sichtbar machen, entsteht eine Erinnerungskultur, die den Opfern gerecht wird. Und wenn es uns gelingt, auch nur einen einzigen Namen zu finden, dann steht dieser stellvertretend für all jene, deren Identität und Leid bis heute im Dunkeln geblieben sind. Ein Gedenkort sollte das Ergebnis dieser Aufarbeitung sein – nicht ihr Ersatz.
Helmut Speckheuer










Sehr geehrter Herr Speckheuer,
Es ist ehrlich gesagt sehr traurig zu lesen, was Sie hier gerade von sich geben. Bevor ich Forderungen nach irgendwelchen Maßnahmen aufstelle (sei es eine Namensumbenennung von Straßen oder Gedenkort für die Zwangsarbeiter der Lemmerzwerke) analysiere und erforsche ich zuerst anhand von Fakten, wie die wirkliche Faktenlage tatsächlich war. Das nennt man Geschichtswissenschaft. Sie unterstellen mir jedoch anhand der von mir aufgeworfenen fachlichen und offenen Fragen, dass nicht die Opfer im Fokus stehen. Geschichte funktioniert aber nicht so, indem ich mir eine bestimmte genehme Antwort vorher ausdenke und mir dann die passenden Quellen auf Basis einer verengten Fragestellung dazu aussuche. Es ist genau umgekehrt: Offene Fragestellung, Quellensuche und dann die Auswertung (auch, wenn die Antworten dem eigenen Weltbild nicht gefallen). Um die Umstände und die daraus resultierenden Opfer der Zwangsarbeit zu verstehen, darf man nicht nur auf die Opfer schauen, sondern auf die Zusammenhänge, wie die Zwangsarbeit in den Lemmerzwerken entstanden ist UND das daraus entstandene Leid. Eine Betrachtung des Leids der Zwangsarbeiter ist OHNE Betrachtung der Umstände unwissenschaftlich. Erst daraus lässt sich eine Schuldfrage der Familie Lemmerz ehrlich beantworten und entsprechende Maßnahmen ableiten. Ihre Forderung nach Quellenbelegen schon VOR der Fragestellung einer entspechenden Aufarbeitung zeigt, dass es für Sie nur ein bestimmtes Ergebnis geben darf. Die Aussage, dass die Arado Flugzeugwerke ein Einzelfall einer anderen Branche sei, ist übrigens ein Schlag ins Gesicht für alle zwangsenteigneten Unternehmer der NS-Zeit. Ihre Aufforderung zusammen mit Ihnen die Geschichte der NS-Zwangsarbeit der Lemmerzwerke aufzuarbeiten, lehne ich daher ab und verweise an unvoreingenommene Historiker, mit denen ich gerne zusammen arbeite.
Mit freundlichen Grüßen
Sehr geehrter Herr Napp,
vielen Dank für Ihren Leserbrief.
Ich habe Ihnen weder Unwissenschaftlichkeit noch mangelnde historische Kompetenz vorgeworfen. Mein Einwand bezog sich ausschließlich auf die Gewichtung Ihres Textes. In Ihrem Leserbrief nehmen die Fragen nach den Motiven, Zwängen und Handlungsspielräumen der Unternehmerfamilie einen breiten Raum ein. Die Perspektive der Zwangsarbeiter tritt demgegenüber deutlich in den Hintergrund. Das ist eine Beobachtung zu Ihrem Text, keine Kritik an Ihrer historischen Arbeitsweise.
Beim Lesen Ihres obigen Leserbriefes habe ich mich außerdem gefragt, wie Sie zu der Aussage gelangen, meine Bitte um Quellenbelege zeige, dass für mich das Ergebnis bereits feststehe. Diesen Zusammenhang erschließt sich mir nicht.
Gerade weil Sie die Situation der Lemmerz-Werk GmbH mit Beispielen wie Arado vergleichen, halte ich die Frage nach den zugrunde liegenden Quellen für selbstverständlich. Historische Vergleiche überzeugen nicht durch Analogien, sondern durch belastbare Belege. Deshalb habe ich gefragt, worauf Sie Ihre Annahme stützen, dass sich die Situation der Lemmerz-Werk GmbH mit der von Arado vergleichen lässt.
Nach den mir inzwischen vorliegenden Primärquellen ergibt sich bislang ein anderes Bild: Paul Lemmerz trat bereits 1932 der NSDAP bei, also noch vor der Machtübernahme. Das Unternehmen erhielt 1943 einen Verlagerungsbefehl des Oberkommandos des Heeres zur Produktionserweiterung in Ingelbach und Wunsiedel. Bereits 1942 wurden zudem zwanzig Kriegsgefangene von der Firma Boge in Eitorf an die Lemmerz-Werke abgeordnet. Diese Quellen sprechen zunächst für eine enge Einbindung des Unternehmens in die NS-Kriegswirtschaft. Sollten Ihnen Quellen vorliegen, die für die Lemmerz-Werk GmbH eine vergleichbare Zwangslage wie bei Arado belegen, würde ich diese gerne kennenlernen.
Die eigentlichen Fragen meines Leserbriefes bleiben aus meiner Sicht unbeantwortet: Wie ordnen Sie historisch ein, dass nach bisherigem Kenntnisstand nach 1945 keine Vermögenssperre gegen das Unternehmen verhängt wurde, dokumentierte Lohnforderungen ehemaliger Zwangsarbeiter offenblieben, Entschädigungsleistungen bislang nicht bekannt sind und sich bislang auch keine Beteiligung des Unternehmens an der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ nachweisen ließ? Gleichzeitig entstanden aus diesem Vermögen unter anderem Stiftungen und Einrichtungen, von denen die Stadt Königswinter profitierte, während Paul Lemmerz bis heute Ehrenbürger der Stadt ist.
Seit Januar 2026 konnten durch Recherchen in mehreren Archiven zahlreiche Primärquellen erschlossen werden, die bislang nicht veröffentlicht waren. Sie werfen zusätzliche Fragen auf und zeigen aus meiner Sicht, dass eine systematische quellenbasierte Aufarbeitung des Themenkomplexes der NS-Zwangsarbeit bei der Lemmerz-Werk GmbH bislang noch aussteht.
Mein Anliegen ist keine nachträgliche Verurteilung der Unternehmerfamilie und auch nicht das Vorwegnehmen eines historischen Ergebnisses. Mein Anliegen ist vielmehr, den Menschen, die bei Lemmerz Zwangsarbeit leisten mussten, endlich Namen und Gesichter zu geben. Wenn es gelingt, auch nur einen von ihnen zu identifizieren und seine Geschichte stellvertretend für die vielen anderen sichtbar zu machen, wäre aus meiner Sicht bereits viel erreicht.
Zum Schluss möchte ich noch auf den letzten Satz Ihres Leserbriefes eingehen. Sie schreiben, dass für eine Zusammenarbeit mit mir keine Grundlage bestehe. Das bedaure ich. Mein Angebot zielte nie darauf ab, Sie von einem bestimmten Ergebnis zu überzeugen. Es war ein Angebot, Primärquellen zusammenzutragen und offene Fragen quellenbasiert zu diskutieren.
Sollte es darüber hinaus Gründe geben, weshalb Sie eine Zusammenarbeit ablehnen, würde ich mich über eine offene Erläuterung freuen. Meine Hand zu einer sachlichen und quellenbasierten Zusammenarbeit reiche ich Ihnen weiterhin.
Mit freundlichen Grüßen
Betreff: Nach 82 Jahren: Die ersten Namen, die im Juli noch fehlten
Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
ein Blick in die öffentlich zugänglichen Archive in Königswinter, Siegburg und Altenkirchen – deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mich dabei engagiert unterstützt haben –, sowie in die Online-Archive des Landesarchivs NRW und der Arolsen Archives in Bad Arolsen genügte, um ohne örtliche Nähe und ohne Forschungsauftrag, nach 82 Jahren vier Zwangsarbeiter der Lemmerzwerke sowie den ersten namentlich bekannten Zwangsarbeiter mit Bezug zum Wintermühlenhof zu identifizieren. Hinzu kommen zwei weitere Namen, deren Bezug zu Lemmerz bislang nicht gesichert ist:
Petro Beatkowski, Iwan Kuchan, Sawa Brel und Georg Kostiw (Lemmerz), Max Landmann (Wintermühlenhof) sowie – ohne gesicherten Lemmerz-Bezug – Stefan Nemkowitsch und Ignatz Schetnowaty: vier Ukrainer und ein Niederländer, bei den beiden zuletzt genannten ist auch die Nationalität bislang nicht abschließend gesichert.
Sie wurden nach Königswinter verschleppt, ausgebeutet und sind hier gestorben. Man findet dabei nicht nur einen Namen – man gibt diesen Menschen etwas zurück, das ihnen 82 Jahre lang genommen war: ihr Gesicht, ihre Identität und ihre unantastbare Würde. Mehr als das eingangs Beschriebene war dafür nicht nötig.
Einige Zahlen zur Einordnung: Bei Lemmerz lag der Zwangsarbeiteranteil zeitweise bei bis zu 56 Prozent der Belegschaft – bis zu 550 Menschen. Von ihnen sind bislang gerade einmal vier namentlich gesichert; die übrigen sind bis heute nicht identifiziert.
Die Körperschaftssteuer stieg von 1933 bis 1942 um das 63-Fache. Paul Lemmerz trat entgegen seiner eigenen Angabe in der Entnazifizierungsakte (1933) bereits am 1. Januar 1932 in die NSDAP ein. Löhne blieben unbezahlt, Vermögen unangetastet. Für hervorragende Leistungen erhielt das Unternehmen das „Gaudiplom“ der Deutschen Arbeitsfront (DAF). 1943 – noch vor dem Luftangriff 1944 – ordnete das Oberkommando des Heeres (OKH) eine Produktionserweiterung nach Ingelbach und Wunsiedel an.
1953 spendete er der Stadt ein Schwimmbad. 1999 wurde per Treuhandvertrag eine Stiftung mit einem Kapital von 1 Million Euro gegründet – zur ausschließlichen Förderung von Kunst, Kultur und Denkmalpflege.
Nach Auskunft der Stadt Königswinter ist eine Provenienzprüfung dieses Kapitals unterblieben. Haushaltsrechtlich ist das nicht zu beanstanden – ist es das aber auch ethisch und moralisch?
Die Stiftung fördert bis heute Kunst, Kultur und Denkmalpflege in Königswinter. Gehört dazu nicht auch die Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit in Königswinter – insbesondere in der Firma des Namensgebers und Gründers dieser Stiftung?
Mindestens drei Primärquellen, die mich zu dieser Recherche angeregt haben, lagen im Stadtarchiv Königswinter vor und waren seit 2008 in der einschlägigen Forschungsliteratur dokumentiert. Wären diese Quellen rechtzeitig ausgewertet worden, hätten diese Namen dann nicht auch in der NS-Sonderausstellung 2025 im Siebengebirgsmuseum Königswinter, „Ausgegrenzt. Verfolgt. Ermordet – Die Opfer des Nationalsozialismus im Siebengebirge“, genannt werden können?
Alle hier genannten Fakten und Belege liegen der Stadt Königswinter bereits vor und können dort eingesehen werden. Stadt, LVR, NRW-Stiftung und der Landrat wurden über diese Funde informiert. Reaktion bis heute: keine.
Für diese Menschen – die vermutlich bis heute anonym auf dem Ehrenfriedhof Ittenbach ruhen – und die vielen anderen, noch namenlosen Opfer, gibt es nicht einmal eine Gedenktafel am Ort des Geschehens, während für die Familie Lemmerz ein aufwendiges Ehrengrab existiert.
Ist Aufarbeitung und ein würdiges Gedenken nicht unsere Bringschuld als nachfolgende Generation – gerade jetzt, wo einige von ihnen aus der Ukraine stammen, einem Land im heutigen Krieg?
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Speckheuer