Vergangene Aktienkurse täuschen Investierende

Forschende des Exzellenzclusters ECONtribute an der Universität Bonn haben Daten einer großen deutschen Onlinebank ausgewertet

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Quelle: Pixabay/Firmbee

Bonn – Anlegerinnen und Anleger entscheiden häufig anhand vergangener Aktienkurse, wie sie investieren. Faktisch hängen künftige und vergangene Renditen allerdings nicht voneinander ab. Weist man Investierende auf diesen Fehler hin, ändern sie ihr Anlageverhalten. Das zeigt eine Studie des Teams um Ökonomin Prof. Dr. Christine Laudenbach, Mitglied des Exzellenzclusters ECONtribute: Markets & Public Policy an der Universität Bonn. Die Studie ist vorab als „ECONtribute Discussion Paper“ erschienen.

Die Forschenden werteten Daten von rund 2000 Kundinnen und Kunden einer großen deutschen Onlinebank aus. Im ersten Schritt befragte das Team die Teilnehmenden zu ihren Annahmen über den Aktienmarkt. Die Befragten bekamen dazu die zwölfmonatige Rendite des Deutschen Aktienindex (DAX) zu sechs verschiedenen Zeitpunkten innerhalb der vergangenen 50 Jahre gezeigt und sollten anschließend schätzen, wie hoch die durchschnittliche Rendite in den darauffolgenden zwölf Monaten lag.

Das Ergebnis: Etwa 70 Prozent der Teilnehmenden glaubte an eine sogenannte negative Autokorrelation. Sie gingen also davon aus, dass sich der Aktienmarkt stets gegenläufig entwickelt. Sind die Kurse in den vergangenen zwölf Monaten etwa gestiegen, fallen sie in den kommenden zwölf. Ein Viertel der Befragten erwartete hingegen, dass sich die Kurse beständig weiterentwickeln. Sie steigen also weiter, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen sind (positive Autokorrelation). Diese Überzeugungen spiegelten sich auch im Kaufverhalten der Befragten innerhalb der vergangenen fünf Jahre wider. Wer von einer negativen Autokorrelation überzeugt war, kaufte eher bei fallenden Renditen.

Verzerrte Wahrnehmung führt zu unterschiedlichem Anlageverhalten

Tatsächlich stieg der DAX zu jedem abgefragten Zeitraum um durchschnittlich etwa 8,5 Prozent. „Jüngste Kurse haben keine Aussagekraft für die Zukunft“, erklärt Christine Laudenbach, Professorin für Finanzen bei ECONtribute an der Universität Bonn. Deshalb sei es nicht sinnvoll, die Kaufentscheidung auf vergangenen Kursen aufzubauen.

Um die verzerrte Wahrnehmung zu korrigieren, zeigten die Forschenden der Hälfte der Befragten die tatsächliche durchschnittliche Rendite und erklärten, dass sich von vergangenen nicht auf künftige Renditen schließen lässt. In einer Folgebefragung gaben die Betroffenen daraufhin eher an, steigende Kurse zu erwarten – egal, wie die Kurse sich zuvor entwickelten. Im Vergleich zur Kontrollgruppe kauften diejenigen, die zuvor von einer gegenläufigen Entwicklung der Renditen ausgingen, nach der Belehrung während des Corona-Börsencrashs im Februar und März 2020 deutlich weniger Aktien nach.

Anlageverhalten besser verstehen

Die Studie trägt dazu bei, die Vorstellungen von Privathaushalten über den Aktienmarkt und deren Konsequenzen auf das Anlageverhalten besser zu verstehen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Anlagefehler relativ leicht beheben lassen und Haushalte ihr Verhalten mit den neuen Informationen tatsächlich anpassen“, sagt Laudenbach.

Zudem deutet die Studie darauf hin, dass vor allem besonders gebildete Menschen von einer negativen Autokorrelation ausgehen. Für die Zukunft sei es deshalb Laudenbach zufolge besonders spannend, genauer zu untersuchen, welche Faktoren die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Aktienmarkt bedingen.

Über ECONtribute: Markets & Public Policy

ECONtribute ist der einzige von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Exzellenzcluster in den Wirtschaftswissenschaften, getragen von den Universitäten in Bonn und Köln. Der Cluster forscht zu Märkten im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ziel ist es, Märkte besser zu verstehen und Marktversagen in Zeiten sozialer, technologischer und wirtschaftlicher Herausforderungen – wie zunehmender Ungleichheit, globalen Finanzkrisen und Digitalisierung – mit einer neuen Herangehensweise zu analysieren.

Svenja Ronge

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