Claudia Solzbacher: Lieber Michael, wir sitzen hier in einer Zeit, in der politischen Entwicklungen – etwa in der Slowakei oder im Rahmen des Nahostkonflikts – die Situation der Ukraine zusätzlich belasten. Das Interview wird in der Rathaus-Lobby geführt, während um uns herum Helfer und Helferinnen von HelpForceHonnef Spendenpakete für Eure nächste Ukraine-Fahrt entgegen nehmen. Ich möchte deshalb mit Dir zurückblicken: Wie hast Du die letzten Jahre der Ukraine-Hilfe erlebt? Du hast diese Hilfe ja maßgeblich angestoßen.
Michael Lingenthal: Der Ausgangspunkt war der Februar 2022, als Putin die Ukraine überfiel. Ich war damals mit meiner Frau unterwegs zu einem Roma-Projekt in der Slowakei – mit einem LKW voller Hilfsgüter. Dieses Projekt der Abtei Maria Laach und des Kellerladen e.V. (Köln) wird seit etwa 20 Jahren unterstützt. Parallel dazu gab es schon länger Hilfe für soziale Einrichtungen in der Ukraine, und ich war auch vor dem Krieg schon selbst mehrfach dort – daher bestanden bereits Kontakte.
Claudia Solzbacher: Was ist dann konkret passiert?
Michael Lingenthal: Die Roma vor Ort entschieden damals sponatn, dass die Hilfsgüter , statt für sie, für die Ukraine verwendet werden sollten. Gleichzeitig sahen wir die Flüchtlingsströme über die Grenze zur Slowakei kommen. Das Roma-Projekt liegt nur etwa 15 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. In einem kleinen Caritas-Zentrum, das damals schon mit uns zusammenarbeitete, wurden schnell auch Geflüchtete aus der Ukraine versorgt.
Claudia Solzbacher: Wie entstand daraus die heutige Hilfsinitiative HelpForceHonnef?
Michael Lingenthal: Nach unserer Rückkehr wurde ich in Bad Honnef von dem Journaisten Rainer Hombücher angesprochen und gebeten, über unsere Eindrücke zu berichten. Kaum war der Bericht auf “Bad Honnef heute” veröffentlicht, wollten Menschen wissen, wo sie spenden können. Wir waren darauf überhaupt nicht vorbereitet. Mit Unterstützung der Stadt konnten wir dann Räume organisieren und mit dem Sammeln beginnen. Kurz darauf gründeten wir einen eingetragenen Verein, HelpForceHonnef e.V. also, der ausschließlich der Ukraine-Hilfe dient.
Claudia Solzbacher: Wie groß ist die Hilfe des Vereins und die Hilfe der Spender und Spenderinnen seitdem?
Michael Lingenthal: Morgen fahren wir den 40. Transport. Insgesamt waren es noch deutlich mehr Fahrten, da wir oft mit mehreren Fahrzeugen unterwegs sind.
Claudia Solzbacher: Fahren Sie direkt in die Ukraine?
Michael Lingenthal: Meistens bis zur Grenze Slowakei/Ukraine. Die Stadt dort heißt Sečovce und gehört zur Großregion Transkarpatien. Wir fahren deshalb nur bis zur Grenze, weil Mietfahrzeuge aus Versicherungsgründen nicht ins Kriegsgebiet dürfen. Außerdem sind die Grenzkontrollen langwierig. Ukrainische Partner holen die Güter dann mit kleineren Fahrzeugen in dem slowakischen Caritas Zentrum ab.
Claudia Solzbacher: Kommt die Hilfe zuverlässig an?
Michael Lingenthal: Ja, definitiv. Wir haben ein Netzwerk aus rund 400 vertrauenswürdigen Personen aufgebaut – darunter Ärzte, Pflegekräfte und andere Helfer. Diese persönlichen Kontakte sind entscheidend, um sicherzustellen, dass alles korrekt verteilt wird.
Claudia Solzbacher: Wie funktioniert die Verteilung konkret?
Michael Lingenthal: Die Güter gehen vor allem in die Region Transkarpatien. Dort ist es noch vergleichsweise sicher, also dort ist nicht die Front, aber es gibt sehr viele Binnenflüchtlinge. In manchen Orten hat sich die Einwohnerzahl verdreifacht. Wir unterstützen konkret ein Krankenhaus in Uzhgorod und ein kommunales Krankenhaus Perechyn.
Von dort aus findet dann auch die zentrale Verteilung in die weitere Ukraine statt. Es gibt aber auch zahlreiche Flüchtlinge, die in der Slowakei untergebracht sind. So unterstützen wir auch regelmäßig ein Projekt dort, wo Kinder und jugendliche Geflüchtete betreut werden. Integrative Projekte sind unter der neuen Regierung Fico in der Slowakei schwer zu finanzieren. Auch die Kommune zieht sich übrigens leider auch aus solchen Projekten zurück, je länger der Krieg dauert. Deshalb ist es gut, dass nun Möglichkeiten der EU-Förderung bestehen.
Claudia Solzbacher: Gibt es Schwierigkeiten bei der Einfuhr?
Michael Lingenthal: Ja, immer wieder. Der bürokratische Aufwand ist enorm, besonders bei Medikamenten, die in die Ukraine gehen sollen. Alles muss genau dokumentiert und genehmigt werden. Das hängt auch mit EU-Vorgaben zur Korruptionsbekämpfung zusammen.
Claudia Solzbacher: Wie erlebst Du die Stimmung derzeit in der Slowakei?
Michael Lingenthal: Auf staatlicher Ebene wird es schwieriger. Auch in Teilen der Bevölkerung dort nimmt die Unterstützung ab. Es gibt ähnliche Vorurteile wie bei uns: Ukrainer würden „alles bekommen“ und müssten nicht arbeiten. Gleichzeitig gibt es aber auch in der Slowakei weiterhin engagierte Initiativen und viel ehrenamtliches Engagement.
Claudia Solzbacher: Welche Rolle spielen private Hilfen im Vergleich zu staatlicher Unterstützung?
Michael Lingenthal: Eine sehr große. Gerade für Menschen, die durch alle Raster fallen – etwa ältere Geflüchtete ohne Zugang zu Integrationskursen. Und vor allem: Die moralische Unterstützung ist entscheidend für die Menschen in der Ukraine. Viele sagen uns: „Bitte vergesst uns nicht.“
Claudia Solzbacher: Hat sich der Bedarf im Laufe der Zeit verändert?
Michael Lingenthal: Ja. Anfangs wurde alles gebraucht. Wir haben Winterkleidung gesammel und Kinderkleidung etc.. Heute arbeiten wir gezielter mit Bedarfslisten – zum Beispiel für Generatoren, die gerade in diesem extremen Winter dringend notwendig waren und für die Stromerzeugung nach wie vor sind .
Claudia Solzbacher: Wie finanziert HelpForceHonnef das?
Michael Lingenthal: Durch Spenden – sowohl durch private Spenden als auch solche von Unternehmen. Besonders engagiert ist oft der Mittelstand. Viele Unternehmer, die selbst noch Kriegserfahrungen aus ihrer Kindheit haben, fühlen sich besonders verpflichtet zu helfen. Auch die Kölner Flitzer z.B. vermieten uns die Lastwagen für einen deutlich günstigeren Preis. Die Autos und unsere Fahrer und Fahrerinnen sind ja immer mindestens 4 Tage und Nächte unterwegs.
Claudia Solzbacher: Wie ist die Unterstützung in Bad Honnef?
Michael Lingenthal: Sehr groß. Die Spendenbereitschaft ist beeindruckend, ebenso die Unterstützung durch die Stadt. Ohne dieses Netzwerk wären wir nicht so weit gekommen. Aber heute benötigen wir anders als sonst dringend Geldspenden für Trageliegen, Verbandsmaterial, Generatoren – für teures Gerät also.
Claudia Solzbacher: Gibt es Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung?
Michael Lingenthal: Ja. Anfangs gab es viel Zuspruch – heute erleben wir auch Ablehnung oder einen Rückgang an Unterstützung. Dennoch bleibt die Unterstützung in Bad Honnef stark.
Claudia Solzbacher: Was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Michael Lingenthal: Noch mehr Menschen, die mithelfen – sowohl organisatorisch als auch bei den Transporten. Wir freuen uns über jeden Honnefer und jede Honneferin, die mit anpacken. Gerne auch Personen, die auch mal einen 7,5 Tonner fahren können. Und vor allem ist es so wichtig, dass die Ukraine nicht in Vergessenheit gerät.
Claudia Solzbacher: Was nehmen die Helfer persönlich aus diesen Einsätzen mit?
Michael Lingenthal: Alle kommen verändert zurück. Die Begegnungen mit den Menschen, die alles verloren haben, prägen sehr. Gleichzeitig geben sie uns auch etwas zurück – Kraft und Motivation weiterzumachen. Und ich möchte betonen: Wir bekommen oft mehr zurück, als wir geben – vor allem an menschlicher Erfahrung.
Claudia Solzbacher: Lieber Michael, vielen Dank für das Gespräch und Euer großes Engagement. Ich hoffe, dass wir mehr Menschen mit diesem Interview zum Spenden motivieren können unter:
HelpForceHonnef HFH e.V.
Volksbank Köln Bonn
IBAN: DE76 3806 0186 4979 1680 18
Gerne stellt HelpForceHonnef Spendenquittungen aus. Bitte geben Sie zu diesem Zwecke auf der Überweisung Ihre Adresse mit an.
Michael Lingenthal war 15 Jahre für die CDU Mitglied im Stadtrat von Bad Honnef. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung war er mehrfach in Lateinamerika tätig. Er hat u.a. das Deutsch-Polnische Jugendwerk mit aufgebaut und lebt heute in Norddeutschland.











