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Lesen: Zwangsarbeit in den Lemmerzwerken
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Honnef heute - Presse, Nachrichten, News > Alle Artikel > An die Redaktion > Zwangsarbeit in den Lemmerzwerken
An die Redaktion

Zwangsarbeit in den Lemmerzwerken

Letztes Update: 09.07.2026
Honnef heute
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4 Min Lesezeit
leserbrief
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Der Historiker Ansgar Klein spricht einen wichtigen Punkt an: Die Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit bei den Lemmerzwerken findet bislang nur sehr rudimentär statt. Sein Vorschlag, das frühere Denkmal für die Opfer der NS-Herrschaft wieder am Rathaus anzubringen und es um einen Hinweis auf die Zwangsarbeiter der Lemmerzwerke zu ergänzen, ist aus meiner Sicht sehr sinnvoll. Ebenso sollte das Siebengebirgsmuseum diese Geschichte noch stärker aufgreifen und vermitteln. Eine offene und sichtbare Erinnerungskultur ist notwendig.

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Dabei sollten wir jedoch nicht den Fehler machen, die Geschichte auf ein einfaches Gut-und-Böse-Schema zu reduzieren. Die Lemmerzwerke waren nicht losgelöst vom NS-System. Das Unternehmen beschäftigte Zwangsarbeiter und profitierte – wie viele andere Betriebe – von der Kriegswirtschaft. Das gehört zur historischen Wahrheit und muss klar benannt werden.

Ebenso zur historischen Wahrheit gehört aber, dass Unternehmer in der NS-Zeit nicht unter den Bedingungen einer freien Marktwirtschaft handelten. Gerade Betriebe, die kriegswichtige Güter produzierten – bei Lemmerz etwa Räder und Felgen –, standen unter erheblichem staatlichem Druck. Der NS-Staat entschied über Rohstoffzuteilungen, Aufträge und Produktionskapazitäten. Unternehmen konkurrierten um Stahl, Gummi und andere knappe Werkstoffe. Wer politisch gut vernetzt war, hatte oft Vorteile.

Gleichzeitig gab es selbstverständlich wirtschaftliche Interessen. Rüstungsaufträge brachten Umsätze und Gewinne. Es wäre jedoch verkürzt, daraus abzuleiten, alle Unternehmer hätten völlig frei und unabhängig handeln können. Es gibt zahlreiche Beispiele – etwa bei den Arado-Flugzeugwerken –, dass der NS-Staat unliebsame Unternehmer entmachtete und Unternehmen unter staatliche Kontrolle brachte oder ihnen genehme Führungen einsetzte. Die Handlungsspielräume waren also begrenzt und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.

Gerade deshalb wäre es spannend, die Geschichte der Lemmerzwerke noch intensiver wissenschaftlich aufzuarbeiten. Welche Motive hatten die Verantwortlichen? Welche Zwänge bestanden tatsächlich? Wo gab es eigene Entscheidungen und wo staatlichen Druck? Und welche Rolle spielte möglicherweise die Verantwortung nach 1945, als das Unternehmen zu einem der wichtigsten Arbeitgeber der Region wurde und zahlreiche soziale Projekte unterstützte? Diese Fragen verdienen eine gründliche Untersuchung, statt vorschneller Urteile.

Deshalb sehe ich Forderungen nach einer Aberkennung der Ehrenbürgerschaft oder nach der Umbenennung von Straßen, Plätzen oder Schulen kritisch. Erinnerungskultur bedeutet nicht zwangsläufig, alle historischen Ehrungen zu beseitigen. Sie kann ebenso darin bestehen, Persönlichkeiten in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen und ihre Verdienste ebenso wie ihre Verstrickungen zu erläutern.

Ein Blick nach Essen zeigt, dass ein solcher differenzierter Umgang möglich ist. Trotz der gut dokumentierten Verstrickung der Krupp-Werke in Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion wurden nicht flächendeckend Straßen, Schulen oder Einrichtungen umbenannt. Stattdessen wird die Geschichte wissenschaftlich aufgearbeitet und öffentlich eingeordnet. Ein ähnlicher Weg erscheint auch für Königswinter sinnvoll.

Geschichte ist selten schwarz oder weiß. Menschen handeln in den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Zeit. Achtzig Jahre später lässt sich leicht urteilen, wie man selbst gehandelt hätte. Historische Aufarbeitung sollte jedoch nicht der moralischen Vereinfachung dienen, sondern dem Bemühen, Zusammenhänge zu verstehen, Verantwortung zu benennen und daraus für die Gegenwart zu lernen. Genau darin liegt der Wert einer ernsthaften Erinnerungskultur.

Thomas Napp, Rheinbreitbach

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VonHonnef heute
Gründer und Chefredakteur von Honnef heute. Ich berichte unabhängig und mit Leidenschaft über die Lokalpolitik, Wirtschaft, Sport, Kultur und das Leben in Bad Honnef und der Region.
1 Kommentar
  • Helmut Speckheuer sagt:
    20. Juli 2026 um 15:55 Uhr

    Erwiderung auf den Leserbrief von Thomas Napp

    Aufmerksam habe ich Ihren Leserbrief in *Honnef heute* gelesen.
    Wer über NS-Zwangsarbeit spricht, sollte zuerst über die Opfer sprechen – nicht über die Frage, wie viel Handlungsspielraum Unternehmer hatten. Im Mittelpunkt stehen die verschleppten Menschen, die bei Lemmerz unter Zwang arbeiten mussten, nicht die historische Einordnung von Paul Lemmerz.
    Diese Menschen wurden in einem kriegswichtigen Rüstungsunternehmen ausgebeutet – unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das ist der eigentliche Skandal.
    Sie schreiben, die Lemmerzwerke hätten Zwangsarbeiter „beschäftigt“. Dieses Wort verharmlost den Sachverhalt. Beschäftigung bedeutet Freiwilligkeit, Vertrag und Lohn. Nichts davon traf auf die verschleppten Menschen zu. Sie wurden gezwungen, für ein Unternehmen zu arbeiten, das nach dem Krieg keine Vermögenssperre hinnehmen musste, nie den geschuldeten Lohn zahlte, sich nie an einer Entschädigung beteiligte und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) nie beitrat. Stattdessen erinnern bis heute zwei Schwimmbäder, weitere Stiftungen und die Ehrenbürgerwürde für Paul Lemmerz an das Unternehmen und seinen Gründer.
    Sie schreiben, die Aufarbeitung sei bislang „nur sehr rudimentär“. Da stimme ich Ihnen zu. Aber Ihre vorgeschlagene Lösung bleibt ebenfalls rudimentär: ein wieder angebrachtes Denkmal, ein ergänzender Hinweis und etwas mehr Raum im Museum. Eine Tafel unter den heutigen Bedingungen wäre wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Für Menschen, deren Namen und Schicksale bis heute weitgehend unbekannt geblieben sind, reicht das nicht aus.
    Sie schreiben, Unternehmer hätten unter erheblichem staatlichem Druck gestanden. Für die Lemmerzwerke belegen Sie das jedoch nicht. Sie nennen keine Anordnung, kein Dokument und keinen konkreten Fall. Die bislang bekannten Quellen legen vielmehr eine enge Einbindung des Unternehmens in das NS-System nahe. Paul Lemmerz trat bereits 1932 der NSDAP bei, der Betrieb erhielt ein DAF-Gaudiplom, und die Produktion wurde im Rahmen der Kriegswirtschaft gezielt erweitert. Auch die Verlagerungsanordnung des Oberkommandos des Heeres von 1943 zur Produktionserweiterung in Ingelbach und Wunsiedel erfolgte aus kriegswirtschaftlichem Kalkül. Diese Befunde sprechen eher für eine enge Zusammenarbeit mit dem NS-System als für ein Unternehmen, das vor allem unter staatlichem Zwang stand.
    Sie führen die Arado-Flugzeugwerke als Beispiel für begrenzte Handlungsspielräume an. Arado ist jedoch nicht Lemmerz. Ein Einzelfall aus einer anderen Branche kann die Situation der Lemmerzwerke nicht belegen.
    Sie fragen nach den Motiven der Verantwortlichen, nach ihren Zwängen und nach ihrer Verantwortung nach 1945. Die Zwangsarbeiter selbst kommen in Ihrem Leserbrief dagegen nicht vor. Genau darin liegt das eigentliche Problem. Wer über NS-Zwangsarbeit schreibt, sollte zuerst die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt stellen.
    Sie verweisen auf Essen als Vorbild. Tatsächlich wurde Alfried Krupp im Krupp-Prozess 1948 verurteilt. Das Unternehmen zahlte später Entschädigungen und gehörte 1998 zu den Mitbegründern der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, aus der die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) hervorging. Die wissenschaftliche Aufarbeitung trat dort nicht an die Stelle konkreter Konsequenzen, sondern ergänzte sie. Bei Lemmerz fehlen bis heute sowohl eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung als auch eine erkennbare Übernahme historischer Verantwortung.
    Sie sind Heimatforscher und beschäftigen sich selbst intensiv mit der NS-Zeit in Rheinbreitbach. Sie schreiben, die Aufarbeitung sei „rudimentär“. Dann lassen Sie uns diese Arbeit gemeinsam angehen – Sie, ich, die Stadt und alle, die dafür Verantwortung tragen.
    Erst wenn wir die Namen, Schicksale und Lebenswege der Zwangsarbeiter erforschen und sichtbar machen, entsteht eine Erinnerungskultur, die den Opfern gerecht wird. Und wenn es uns gelingt, auch nur einen einzigen Namen zu finden, dann steht dieser stellvertretend für all jene, deren Identität und Leid bis heute im Dunkeln geblieben sind. Ein Gedenkort sollte das Ergebnis dieser Aufarbeitung sein – nicht ihr Ersatz.

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