Bad Honnef – Der Rhein gilt als Erfolgsgeschichte des Umweltschutzes. Seit den 1980er Jahren hat sich seine Wasserqualität sichtbar verbessert. Doch neue Recherchen zeigen: Der „saubere Rhein“ ist ein Mythos. Unter der Oberfläche befinden sich tausende chemische Stoffe, von denen viele weder systematisch gemessen noch gesundheitlich bewertet werden. Das ist auch für Bad Honnef relevant.
Eine Auswertung von CORRECTIV.Lokal zeigt erstmals, wie häufig sogenannte unbekannte oder kaum erforschte Mikroschadstoffe im Rhein entdeckt werden. Allein zwischen 2020 und 2025 meldeten die Landesumweltämter in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg 65 auffällige Stofffunde, viele davon mit unklarer Herkunft und Wirkung.
NRW besonders betroffen
Nordrhein-Westfalen sticht dabei besonders hervor: 33 Mal wurden dort auffällige Mikroschadstoffe festgestellt, am häufigsten an der Messstelle Kleve-Bimmen. In mehreren Fällen identifizierten die Behörden wassergefährdende Substanzen, darunter Lösungsmittel aus der Chemieindustrie und Stoffe zur Herstellung von Weichmachern. Achtmal sah sich das Landesumweltamt NRW sogar gezwungen, Trinkwasserversorger offiziell zu warnen und Schutzmaßnahmen zu empfehlen.
Solche Warnungen werden laut dem Internationalen Warn- und Alarmplan Rhein nur ausgesprochen, wenn Stoffe „die Gewässergüte des Rheins oder die Trinkwasserversorgung nachteilig beeinflussen“ könnten.
Warum das Bad Honnef betrifft
Rund 20 Millionen Menschen entlang des Rheins trinken aufbereitetes Rheinwasser, meist aus sogenanntem Uferfiltrat. Auch in der Region Bonn/Rhein-Sieg ist der Rhein ein zentraler Bestandteil der Trinkwasserversorgung.
Zwar gehen Fachleute davon aus, dass viele unbekannte Stoffe die Filter- und Aufbereitungsstufen nicht überwinden. Doch sicher ist das nicht. „Es ist möglich, dass viele der heute unbekannten Stoffe sich als toxikologisch bedenklich erweisen“, warnt Werner Brack, Co-Leiter der Abteilung Expositionswissenschaft am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Chemische Mischungen könnten Allergien auslösen, das Lernverhalten von Kindern beeinträchtigen oder Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes begünstigen.
Ein warnendes Beispiel sind PFAS-Chemikalien: Sie galten jahrzehntelang als unproblematisch, bis ihre massive Gesundheitsgefährdung erkannt wurde. Erst seit Januar 2026 gelten dafür verbindliche Grenzwerte.
Industrie, Behörden – und große Wissenslücken
Ein Großteil der unbekannten Mikroschadstoffe stammt nach Einschätzung von Experten nicht aus Haushalten oder der Landwirtschaft, sondern aus industriellen Abwässern, insbesondere der chemischen Industrie. Das Problem: Viele Unternehmen geben keine detaillierten Auskünfte über verwendete Stoffe, und den Behörden fehlen Personal, Geld und klare gesetzliche Vorgaben, um sie umfassend zu kontrollieren.
Das Umweltbundesamt räumt ein: „Unser Wissen zu Vorkommen und Menge vieler Stoffe aus industriellen Einleitungen ist weiterhin unzureichend.“
Kommt die Wende?
Abhilfe schaffen soll eine neue EU-Kommunalabwasser-Richtlinie, nach der Pharma- und Kosmetikunternehmen ab 2027 stärker für die Verschmutzung von Gewässern zahlen sollen. Doch dagegen regt sich Widerstand: Mehrere Pharmaunternehmen haben bereits Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht.
Für Städte wie Bad Honnef bleibt die zentrale Frage: Wie sicher ist unser Trinkwasser wirklich – und wer trägt die Verantwortung dafür, dass unbekannte Schadstoffe nicht zur unsichtbaren Gefahr werden?
Das sagt die BHAG:
Wie oft und in welcher Konzentration wurden in den letzten fünf Jahren Mikroschadstoffe im Rohwasser (Uferfiltrat) oder im Trinkwasser in Bad Honnef nachweisbar?
Die BHAG ist Mitglied im ARW e.V. (Arbeitsgemeinschaft Rhein-Wasserwerke e.V.). Der ARW e.V. kümmert sich seit der Gründung im Jahr 1957 um den vorsorgenden Gewässerschutz im Rheineinzugsgebiet auf dem Rheinabschnitt zwischen Neckarmündung und deutsch-niederländischer Grenze. In der Arbeitsgemeinschaft werden aber auch Messprogramme unter anderem im Rhein durchgeführt. Die Aufgaben des ARW e.V. sind in deren Satzung recht kurz umrissen:
„Der Verein bezweckt die Veranlassung und Förderung von Bestrebungen und Maßnahmen zur Abwendung der durch die Verschmutzung des Rheins und seiner Nebenflüsse verursachten Gefahren für die Wasserversorgung.“ Maßnahmen zur Reduktion von Mikroverunreinigungen stehen dabei verstärkt im Fokus.
In Monitoring- und Untersuchungsprogrammen der BHAG werden regelmäßig Stoffe im Rohwasser festgestellt. Das ist normal und Teil einer vorausschauenden Kontrolle. Entscheidend ist es, Trends im Blick zu behalten, um Fehlentwicklungen in der Gewässergüte frühzeitig zu verhindern. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei persistenten, mobilen und gesundheitlich relevanten Stoffen wie PFAS, die sich länger in der aquatischen Umwelt halten. Auch wenn die aktuellen Konzentrationen im Rhein niedrig sind, steuern wir hier proaktiv gegen und verfolgen eine klare PFAS-Restriktionsstrategie.
Gab es konkrete Vorfälle, bei denen die BHAG aufgrund von Schadstoffmeldungen der Messstelle Bad Honnef Maßnahmen ergreifen musste?
Nein, bisher gab es bei der BHAG noch keinen Vorfall, bei dem die BHAG eingreifen musste.
Wie wird das Uferfiltrat aufbereitet? Gibt es spezielle Filter oder Technologien, um Mikroschadstoffe zu entfernen?
Die BHAG nutzt die natürliche Filterpassage vom Rhein bis in die Gewinnungsanlagen. Danach wird das Rohwasser physikalisch entsäuert. Vor dem Wasserwerksausgang läuft das Trinkwasser noch über Aktivkohlefilter. Es gibt keine speziellen Aufbereitungsanlagen für Mikroschadstoffe.
Durch Kooperationen, Forschungsvorhaben und Systeme wie InfoPol wird die bestehende Expertise jedoch ständig erweitert. Die Menschen können darauf vertrauen, dass Trinkwasser in Deutschland sicher ist.
Die Regulierungen für industrielle Einleiter wurden z.B. in den letzten Jahren deutlich verschärft, u.a. durch:
- EU-Abwasserrichtlinie mit vierter Reinigungsstufe.
- Industrieemissionsrichtlinie mit strengeren Grenzwerten und Sanktionen.
- REACH-Revision zur Aufnahme von PMT-Stoffen.
Diese Maßnahmen zeigen, dass auch die Gesetzgeber und Behörden aktiv handeln.
Wie bewertet die BHAG die aktuelle Diskussion um unbekannte Chemikalien im Rhein? Gibt es Kooperationen mit Forschungseinrichtungen oder der IKSR?
Die Wasserwerke entlang des Rheins – und somit auch die BHAG – engagieren sich seit Jahrzehnten im vorbeugenden Gewässerschutz und gehen dabei weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Neben der Einhaltung aller Vorschriften setzt die BHAG auf ein eigenes Untersuchungsprogramm am Rhein, die kontinuierliche Weiterentwicklung der Aufbereitungstechnik und unabhängige Bewertungen des Gewässerzustands auf Basis der Rhein-Memoranden. Zudem arbeitet die BHAG in Fachgremien zur Gewässerbeschaffenheit mit und bringt ihre Expertise in Gesetzgebungsprozesse sowie EU-Regelungen ein. All diese Maßnahmen sichern die Trinkwasserqualität langfristig.
Risiken von unbekannten Stoffen lassen sich dennoch naturgemäß nicht konkret bewerten. Allerdings verfügt die BHAG über ein engmaschiges Monitoring, Non-Target-Screenings und internationale Frühwarnsysteme wie IWAP. Auf dieser Basis können wir sicher sagen: Trinkwasser in Deutschland ist auch bei lebenslangem Konsum bedenkenlos.
Die Entwicklung von unbekannten Chemikalien im Rhein wird durch die BHAG beobachtet und durch die Mitgliedschaft im ARW e.V. erfolgt ein regelmäßiger Austausch mit den Mitgliedern. Der ARW e.V. führt zudem Messprogramme durch, um den Nachweis neuer Chemikalien bzw. Abbauprodukte im Rhein zu bewerten.
Auf die Frage, ob die Stadt Bad Honnef Pläne verfolgt, die lokale Kläranlage oder die Überwachung der Industrieeinleitungen auszubauen, antwortet sie:
„Das Abwasserwerk hat keine Veröffentlichungspflicht bezüglich Inhaltsstoffen aus der Abwasserreinigung (vgl. Verpflichtung bei Trinkwasserqualität, siehe Webseite der BHAG). Wir werden durch die Bezirksregierung Köln überwacht und sind verpflichtet, einen Selbstüberwachungsbericht zu erstellen.
Alle sechs Jahre beschreibt das Abwasserwerk seine Investitionsmaßnahmen in einem Abwasserbeseitigungskonzept (ABK, zuletzt 2024 neu aufgestellt). Parallel dazu gibt es ein Wasserversorgungskonzept (Stadt mit BHAG).
Im Rahmen des ABK hat das Abwasserwerk im Jahr 2020 eine Machbarkeitsstudie für eine Mikroschadstoffbeseitigung auf der Kläranlage Aegidienberg erstellt, da der dortige Vorfluter Kochenbach deutlich sensibler eingestuft wird als der Rhein. Das Ergebnis liegt zur Prüfung bei der Bezirksregierung Köln vor. Dem Bericht zufolge bringt der Umbau der vierten Reinigungsstufe keinen signifikanten Mehrwert.
Die Kläranlage Aegidienberg verfügt bereits über eine vierte Reinigungsstufe in Form eines Sandfilters, der einen erhöhten Schutz für den Kochenbach bietet und teilweise Mikroschadstoffe zurückhält.
Die Kläranlage in der Tallage verfügt hingegen nicht über eine vierte Reinigungsstufe. Derzeit besteht keine Notwendigkeit für einen zusätzlichen Ausbau der Kläranlage im Tal.
Landeszuschüsse gibt es zunächst für Kläranlagen ab einer Größenordnung von 100.000 Einwohnern, da hier die Schadstoffmenge, die in den Rhein geleitet wird, deutlich höher ist.
Die Kläranlage in Bad Honnef ist für 27.000 Einwohner ausgelegt.
Die Abwässer der Kläranlage in der Tallage belasten das Trinkwasser in Bad Honnef nicht, da die Kläranlage unterhalb des Wasserschutzgebietes von Bad Honnef liegt (rheinabwärts).“
In Kooperation mit CORRECTIV wird das Schauspielhaus Köln ein Theaterstück „Dat Wasser vun Kölle es jot“ “ (Premiere am 7. Februar) aufführen. Zusätzlich gibt es eine weitere Veranstaltung: Der Mythos vom sauberen Rhein, 8. Februar. Infos und Tickets hier.
„Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden finanziert. Mehr unter correctiv.org“
Untersuchungen der Universitäten Bonn und Tübingen
Rhein verschmutzt mit bis zu 286-mal mehr Müll als bisher angenommen











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