Erinnerung an die Reichspogromnacht

Bad Honnef erinnert an den Anschlag auf die Synagoge und mahnt Wachsamkeit an | Von Heino Gröf

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Michael Lingenthal: „Dem Antisemitismus muss öffentlich entgegengetreten werden.“ - Foto: Florette Hill

Foto: Florette Hill

Bad Honnef – Deutschland im Jahre 2022.Täglich, jeden Tag, Überfälle und Angriffe mit antisemitischem Hintergrund. Im Alltag, der Kunst, der Politik. Die Zahl ist in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. 3027 Straftaten allein im vergangenen Jahr.

Bundespräsident Steinmeier, 2021 mit der Leo-Baeck-Medaille geehrt, mit der Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich in besonderer Weise um die deutsch-jüdische Aussöhnung verdient gemacht haben, äußerte am Ende seiner Dankesrede: Nur wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder vollkommen zuhause seien, sich vollkommen sicher fühlten, nur dann „ist Deutschland ganz bei sich“.

„Jeden Tag Zivilcourage in kleinen Dingen zeigen.“ Schüler:innen des Schloss Hagerhof aus einem Gedicht von Martin Niemöller, Häftling in Sachsenhausen und Mitbegründer der Bekennenden Kirche in Deutschland nach seiner Befreiung.

Heute also das Gedenken an die schändlichen Ereignisse am 9. November 1938 in Bad Honnef.

Pogromn
Foto: Florette Hill

Rund 150 Bürger:innen aus Bad Honnef hatten sich vor der ehemaligen Synagoge an der Linzer Strasse eingefunden. Aber, die Frage sei erlaubt: wie kann eine so wichtige Gedenkveranstaltung wie die zum 9. November 1938 gelingen ohne Beteiligung und Mitwirkung jüdischer Mitbürger?

Otto Neuhoff, der Bürgermeister, beschrieb in einer Ansprache das „unrühmliche Kapitel der deutschen Geschichte“ und stellte die Frage, „was hat das mit uns heute zu tun?“, wo doch selbst der russische Angriffskrieg auf die Ukraine mit Antisemitismus begründet wurde.

Schüler:innen von Schloss Hagerhof, der Gesamtschule St. Josef und dem städtischen Siebengebirgsgymnasium lieferten Zeugnisse von Augenzeugen, Schriftstellern und Politikern. Beklemmend dabei die Aktualität historischer Belege, etwa die Aufwiegelung der Bevölkerung oder die Nivellierung des Holocaust („Vogelschiss“), die Parallelen zwischen damals und heute.

„Dem Antisemitismus muss öffentlich entgegengetreten werden.“ Michael Lingenthal.

Lingenthal, Mit-Initiator des von der Stadt geförderten Projekts „Erinnerung und Gegenwart“, verwies auf die erstaunliche Vielzahl von schulischen und außerschulischen Projekten zum Thema und legte den Finger in die Wunde: der Antisemitismus sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen mit auch aus Verschwörungstheorien entlehnten Ressentiments wie „Mammon, Rachsucht und Gewinnsucht“.

Pogrome, zur Erinnerung, bedeuten: Hetze und gewalttätige Angriffe gegen Leben und Besitz einer religiösen, nationalen oder ethnischen Minderheit mit Duldung oder Unterstützung der Staatsgewalt. Und sie fanden, so Lingenthal mit Verweis auf Adenauer, einen Sohn der Stadt, „in aller Öffentlichkeit statt – jeder konnte es wissen“.

„Ich schäme mich, Deutscher zu sein.“ Renate, 66.

Was also bedeutet es, zu erinnern, zu mahnen, Stand zu halten, Zivilcourage zu zeigen? Was lehren uns die historisch überlieferten Schandtaten heute?

Robert Kempner, stellvertretender Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, bezeichnete die Nazis als „Raubmörder“. Sie haben „Menschen nicht nur getötet, sondern auch beraubt“.

Bündnis 90/Die Grünen Bad Honnef hatte vor der Gedenkfeier an der früheren Synagoge zu einem „Mahngang“ durch die Stadt eingeladen, entlang der „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig. Sie markieren die letzten Wohnungen und Zuflüchte der jüdischen Bürger:innen im November 38. Mitinitiator Jochen Langbein (53) gab Informationen und Hintergründe zu jedem der Häuser, aus denen Honnefer Juden verhaftet, deportiert und in der Mehrzahl ermordet wurden.

„Ich gehe aus Solidarität mit den Betroffenen mit, war selbst eine Zeitlang in einem Kibbuz.“ Karin, 66.

Nie wieder, so Langbein, darf sich so etwas wiederholen. Und so marschierte die Gruppe aus rund zwanzig Honnefer Bürgern von Haus Nr. 22 in der Rommersdorfer Strasse zu Haus Nr. 5 in der Bergstrasse zu Haus Nr. 118 in der Hauptstrasse zu Haus Nr. 12 und Haus Nr. 14 in der Beueler Strasse zu Haus Nr. 12 Ecke Linzer Strasse/Saynscher Hof.

„Es ist traurig, dass Juden sich heute noch nicht trauen, sich öffentlich zu zeigen.“ Günter, 84.

„Antisemitismus, Hass, religiöse Intoleranz sind tief in der menschlichen Natur verankert, wir müssen am Ball bleiben.“ Stefan, 58.

„Wir müssen wachsam sein. Wehret den Anfängen.“ Uwe Löttgen Tangermann, Pfarrer.

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