Freitag droht heftigste Schwergewitterlage

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Bild von Gundula Vogel auf Pixabay

Bad Honnef – Nachdem bereits schon zu Beginn der Woche Schauer und Gewitter für unwetterartigen Starkregen gesorgt haben, steht das Gröbste erst noch bevor. Am Freitag droht die überregional heftigste Schwergewitterlage seit langem. Und auch der morgige Donnerstag hat es bereits in sich.

Schwergewitterlagen sind im Mai an und für sich nicht völlig außergewöhnlich. Die aktuelle Luftmasse bietet aber für die jahreszeitlichen Verhältnisse sehr viel Zündstoff. Dies macht sich schon alleine durch die heutigen (18.5.2022) und morgigen (19.5.2022) Höchsttemperaturen bemerkbar, die verbreitet bei etwa 30 Grad, im Süden sogar teils bis 34 Grad liegen. Gleichzeitig wird an der westlichen Flanke eines ausgeprägten Hochs über Osteuropa sehr feuchte Luft aus südlicher Richtung herantransportiert.

Am morgigen Donnerstag gerät diese Luftmasse in den Einflussbereich einer Bodentiefentwicklung über Nordwestdeutschland und wird dadurch „aktiviert“. In den Nachmittagsstunden bilden sich in der Nordwesthälfte Deutschlands teils heftige Gewitter. Dabei deuten einige Modelle die Möglichkeit einer geschlossenen Gewitterlinie an, die im Laufe des Abends und der Nacht ostwärts zieht. Andere Modelle wiederum präferieren die Bildung einzelner, aber sehr starker Gewitterzellen. Das größte Schadenspotential geht dabei einmal mehr von auftretendem Starkregen aus.

Die Luftmasse ist, wie bereits schon angedeutet, ausgesprochen feucht mit bis zu 40 Litern pro Quadratmeter Wassergehalt in einer gedachten Säule in der darüberliegenden Atmosphäre. Diese Mengen können dann entsprechend auch innerhalb kurzer Zeit als Starkregen fallen, womit man schon das extreme Unwetterkriterium erfüllen würde. Neben dem Starkregen können aber auch lokal heftige Fallböen mit Sturm- oder Orkanstärke auftreten. Insbesondere im Falle einer organisierten Gewitterlinie ist hier die Gefahr ziemlich groß, dass entlang dieser Linie heftige Windgeschwindigkeiten auftreten, möglicherweise sogar im dreistelligen km/h-Bereich, das heißt Windstärke Beaufort 11. Auch größerer Hagel lässt sich nicht ausschließen, hier ist die Gefahr besonders bei einzelstehen Zellen beziehungsweise Superzellen erhöht.

Diese Gewitter halten bis in die Nacht zum Freitag hinein an und schaffen es dabei bis in die Mitte des Landes, bevor sie dann am Freitagmorgen abklingen.

Richtig „böse“ wird es aber am Freitag. Dann zieht ab Mittag ein neues, diesmal noch deutlich stärker ausgeprägtes Tief voraussichtlich aus Richtung Niederlande über die nördliche Mitte Deutschlands ostwärts. Gleichzeitig bietet die Luftmasse die gleichen, oder sogar noch geeignetere Voraussetzungen als am Vortag.

Bedingt durch das Tief kommen aber noch deutlich erhöhte Scherungswerte hinzu. Einerseits erhält man durch die bodennahe Winddrehung deutlich erhöhte Richtungsscherung, andererseits nimmt mit dem Tief auch der Wind in der Höhe rasch deutlich zu. Bereits in einem Kilometer Höhe liegen die Windgeschwindigkeiten hier teils bei über 100 Kilometern pro Stunde. Die Quintessenz: Es sind alle Zutaten für ausgesprochen heftige und organisierte Gewitterentwicklungen, insbesondere für Superzellen, vorhanden.

Insbesondere bei der Entwicklung von Superzellen sind die Zutaten für alle denkbaren Begleiterscheinungen vorhanden. Einerseits wäre da zunächst einmal mehr der extrem heftige Starkregen mit über 40 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde. Denkbar ist hier, dass bei mehrstündiger Andauer des Starkregen örtlich Mengen der Größenordnung
100 Liter pro Quadratmeter fallen können. Weiterhin ist die Gefahr von auftretenden Fallböen in Orkanstärke, den sogenannten Downbursts, deutlich erhöht. Oft geht damit auch großer Hagel einher, das bedeutet in diesem Falle Hagelkorngrößen von bis zu 5 Zentimetern.

Schlussendlich ist auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Tornados deutlich erhöht. Die Zutaten von niedriger Wolkenuntergrenze, bodennah sehr hohen Scherungswerten und ebenfalls sehr hohen Werten der sogenannten sturmrelativen Helizität (für die Experten unter unseren Lesern: diese liegen laut Modellen teils bei über 300 m²/s²) sind alle in ausreichender Menge vorhanden.

Nicht außer Acht gelassen soll auch das Szenario der Bildung eines mesoskaligen konvektiven Systems (kurz: MCS). Dabei handelt es sich um einen riesigen Gewitterkomplex, der sich in seiner Dynamik mehr oder weniger verselbstständigt. Hauptaugenmerk hierbei sind vor allem auftretende Sturm- und Orkanböen sowie langanhaltender starker Regen, der entsprechend für Überflutungen sorgen kann.

Vieles an der Entwicklung, von der größere Teile Deutschlands morgen und am Freitag mehr oder weniger betroffen sein werden, ist aber – wie so oft – noch unsicher. Insbesondere am Freitag hängt alles an der Art und Weise der Ausprägung sowie der genauen Zugbahn des verantwortlichen Tiefs. Es bleibt also ausgesprochen „spannend“ und es ist geboten, die Wetterentwicklung der nächsten 48 bis 60 Stunden mit erhöhter Aufmerksamkeit zu verfolgen.

M.Sc. Felix Dietzsch
Deutscher Wetterdienst

 

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