Bad Honnef. Wie verändern Klimawandel, künstliche Intelligenz und demografischer Wandel die Arbeitswelt? Und was brauchen junge Menschen, um ihre berufliche Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das diesjährige Trappen-Forum der Hans-Trappen-Stiftung, das am Freitagabend anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Stiftung in der Aula des Siebengebirgsgymnasiums (SIBI) stattfand.
- Vier Transformationen verändern Wirtschaft und Gesellschaft
- Demografie belastet Rente, Pflege und Unternehmen
- Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt
- Unternehmertum braucht Neugier und Mut
- Bessere Chancen für die nächste Generation
- Ein Leben wie heute würde nicht mehr funktionieren
- Studium oder Ausbildung?
- Junge Menschen sollen gründen dürfen – und scheitern können
- KI selbst ausprobieren
- Wohlstand ist mehr als Wirtschaftswachstum
- Reformen und demokratischer Zusammenhalt
- Die Hans Trappen Stiftung
Hauptredner war Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und früherer Sibi-Schüler. Er richtete den Blick auf die tiefgreifenden Veränderungen der kommenden Jahrzehnte und ermutigte die Schülerinnen und Schüler, die damit verbundenen Herausforderungen auch als Chancen zu begreifen.
Vier Transformationen verändern Wirtschaft und Gesellschaft
Fratzscher sieht die Gesellschaft vor einer besonderen Herausforderung: Nicht eine einzelne Entwicklung, sondern vier große Transformationen liefen gleichzeitig ab. Klimawandel, geopolitische Konflikte, demografischer Wandel und Künstliche Intelligenz würden das Leben der kommenden Jahrzehnte prägen.
Die Folgen des Klimawandels seien längst sichtbar. Naturkatastrophen könnten innerhalb weniger Stunden Existenzen zerstören, wie die Flutkatastrophe im Ahrtal gezeigt habe. Auch für Unternehmen werde der Umgang mit Klimarisiken immer wichtiger.
Gleichzeitig verändere sich die internationale Ordnung. Die Hoffnung auf eine immer engere Zusammenarbeit demokratischer Staaten habe sich nicht erfüllt. Statt gemeinsamer Regeln und multilateraler Kooperation beobachte man zunehmend militärische Konflikte und eine Politik, die stärker von nationalen Interessen und der Macht einzelner Staaten bestimmt werde.
Für Deutschland sei das besonders relevant. Die wirtschaftliche Stärke des Landes beruhe wesentlich auf seiner Offenheit und dem internationalen Handel. Eine Abschottung würde Unternehmen vor erhebliche Probleme stellen und könnte Arbeitsplätze und Wohlstand gefährden.

Demografie belastet Rente, Pflege und Unternehmen
Eine weitere große Herausforderung ist für Fratzscher die alternde Gesellschaft. Immer mehr Menschen erreichen das Rentenalter, während weniger junge Beschäftigte nachrücken. Damit geraten die sozialen Sicherungssysteme unter Druck.
Fratzscher verwies auf die Entwicklung seit den 1950er-Jahren: Damals kamen rechnerisch etwa sechs Erwerbstätige auf einen älteren Menschen, dessen Rente und Versorgung sie mitfinanzierten. Heute seien es nur noch etwas mehr als zwei.
Die Folgen beträfen nicht nur die Finanzierung der Renten. Auch im Gesundheitswesen und in der Pflege würden dringend Fachkräfte benötigt. Gleichzeitig müssten viele Unternehmen damit rechnen, dass Beschäftigte in großer Zahl ausscheiden, ohne dass genügend Nachwuchs zur Verfügung stehe. Zuwanderung sei deshalb für Deutschland von erheblicher Bedeutung.
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt
Besonders weitreichende Veränderungen erwartet Fratzscher durch Künstliche Intelligenz. Hier stellte er klar: „Es ist nicht die Frage, ob es geschieht, sondern wann es geschieht.“
Aber: Sie eröffne große Möglichkeiten, beispielsweise in der Medizin, bei der Entwicklung neuer Medikamente und in der industriellen Produktion. Zugleich könne sie zahlreiche Tätigkeiten übernehmen, die bislang von Menschen ausgeführt werden.
Im Vortrag sprach Fratzscher davon, dass langfristig 70 bis 80 Prozent der heutigen Arbeitsplätze durch KI ersetzbar sein könnten. Dabei handelt es sich um seine Einschätzung des möglichen Ausmaßes der Veränderung, nicht um eine gesicherte Prognose für den tatsächlichen Wegfall von Arbeitsplätzen.
Die Arbeitswelt werde sich jedenfalls grundlegend verändern. Junge Menschen müssten damit rechnen, sich im Laufe ihres Berufslebens mehrfach neu orientieren zu müssen.
Fratzscher sieht darin auch eine Chance. Wenn Maschinen mehr Aufgaben übernehmen, könnten menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Empathie und persönliche Kommunikation stärker an Bedeutung gewinnen. Das gelte besonders für Pflege, Bildung und soziale Tätigkeiten. Fratscher: „Alles, was uns als Mensch ausmacht, wird eine größere Bedeutung erhalten.“
Auch unbezahlte Arbeit, etwa die Pflege von Angehörigen oder ehrenamtliches Engagement, verdiene mehr Anerkennung. Gesellschaftlich wertvolle Arbeit lasse sich nicht allein am Einkommen messen.

Unternehmertum braucht Neugier und Mut
Was bedeutet diese Entwicklung für junge Menschen, die heute vor der Berufswahl stehen? Fratzscher riet ihnen, nicht nur nach vermeintlich sicheren Karrierewegen zu suchen. Entscheidend sei, herauszufinden, was ihnen Freude bereite und welche Fähigkeiten sie entwickeln wollten.
Unternehmertum könne ganz unterschiedliche Formen annehmen: von einer kleinen Bäckerei über einen Handwerksbetrieb bis zu einem Technologieunternehmen. Auch innerhalb bestehender Unternehmen könnten Beschäftigte neue Ideen entwickeln. Darüber hinaus gebe es Möglichkeiten, unternehmerisches Handeln mit sozialen Zielen zu verbinden.
Dabei müsse Scheitern als Teil des Lernprozesses akzeptiert werden. In Deutschland werde ein gescheiterter Gründungsversuch häufig als Makel betrachtet, während er andernorts eher als Erfahrung gelte. Fratzscher ermutigte die Jugendlichen, eigene Ideen auszuprobieren und Risiken bewusst einzugehen.
„Lebenslanges Lernen wird essenziell sein“, so Fratscher. Eine Ausbildung oder ein Studium könne künftig nicht mehr das gesamte Wissen vermitteln, das für ein langes Berufsleben benötigt werde.
Bessere Chancen für die nächste Generation
Ein weiteres Anliegen des Ökonomen ist der Generationenvertrag. Eine repräsentative Umfrage der Universität Bonn, auf die Fratzscher verwies, habe ergeben, dass 84 Prozent der Befragten erwarteten, dass es der kommenden Generation schlechter gehen werde als der heutigen.
Für ihn ist das ein Warnsignal. Die ältere Generation müsse dafür sorgen, dass junge Menschen bessere Startbedingungen erhalten. Besonders bei der Bildung sieht Fratzscher erheblichen Handlungsbedarf: In Deutschland hänge der Bildungserfolg noch immer stark vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern ab.
Auch bezahlbarer Wohnraum und ausreichende finanzielle Unterstützung seien entscheidend, damit junge Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und ein selbstbestimmtes Leben führen könnten.
Fratzscher warb zudem für eine offene Gesellschaft, in der Unterschiede als Stärke verstanden werden. Vielfältige Teams könnten Unternehmen erfolgreicher machen. Offenheit sei zugleich eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und demokratischen Zusammenhalt.
Als Stärken Deutschlands nannte er leistungsfähige Institutionen, den Mittelstand und die Solidarität in der Gesellschaft. Diese Grundlagen könnten helfen, die anstehenden Veränderungen zu bewältigen.
Ein Leben wie heute würde nicht mehr funktionieren
In der anschließenden Diskussion wurden die großen Zukunftsfragen konkret. Die Besucher wollten unter anderem wissen, wie sich die politischen Entwicklungen auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken, welcher Bildungsweg sinnvoll ist und wie junge Menschen mit den Risiken und Möglichkeiten neuer Technologien umgehen sollten.
Eine Frage beschäftigte sich mit den möglichen Folgen einer Regierungsbeteiligung der AfD. Fratzscher warnte vor den wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Forderungen zur sogenannten Remigration. Deutschland könnte dadurch Menschen mit Migrationsgeschichte verlieren, die als Arbeitskräfte dringend benötigt würden – insbesondere in der Pflege, im Gesundheitswesen und in der Grundversorgung. Aber auch Deutsche würden das Land verlassen. Fratscher: „Ein Leben wie heute würde nicht mehr funktionieren.“
Auch eine Abkehr von der Europäischen Union und dem Euro berge erhebliche Risiken. Deutschland sei auf den internationalen Handel angewiesen. Eine Politik der Abschottung könne deshalb Arbeitsplätze und Wohlstand gefährden.
Fratzscher betonte zugleich, dass die Sorgen von AfD-Wählerinnen und -Wählern ernst genommen werden müssten. Das bedeute jedoch nicht, fremdenfeindliche oder demokratiefeindliche Positionen zu rechtfertigen.
Studium oder Ausbildung?
Auf die Frage, ob Abitur und Studium noch die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Zukunft seien, antwortete Fratzscher, dass es auf die individuellen Ziele ankomme. Für wissenschaftliche Tätigkeiten sei ein Studium notwendig. Wer im Handwerk arbeiten oder ein eigenes Unternehmen gründen wolle, könne mit einer praktischen Ausbildung besser aufgestellt sein. Ein duales Studium biete die Möglichkeit, beide Wege zu verbinden.
Sein Rat an die Jugendlichen: Sie sollten Praktika nutzen, verschiedene Berufsfelder kennenlernen und sich nicht allein von vermeintlichen Erwartungen an einen erfolgreichen Lebenslauf leiten lassen.
Junge Menschen sollen gründen dürfen – und scheitern können
Ein weiterer Teilnehmer kritisierte, dass wirtschaftlicher Erfolg und größere Vermögen in Deutschland häufig negativ bewertet würden. Fratzscher wünschte sich eine positivere Haltung gegenüber Unternehmerinnen und Unternehmern. Sie schafften Arbeitsplätze und Wohlstand, trügen aber zugleich Verantwortung für die Gesellschaft.
Junge Menschen sollten eigene Geschäftsideen ausprobieren dürfen. Ein Unternehmen müsse nicht zwangsläufig dauerhaft bestehen. Auch ein Scheitern könne neue berufliche Perspektiven eröffnen. Wichtig sei, Risiken klug abzuwägen und Partner zu finden, die die eigenen Fähigkeiten ergänzten.
KI selbst ausprobieren
Wie Jugendliche Künstliche Intelligenz für ihre berufliche Zukunft nutzen können, war eine weitere Frage. Fratzscher empfahl, sich selbst mit den Systemen auseinanderzusetzen, ihre Funktionsweise kennenzulernen und praktische Anwendungsmöglichkeiten zu erproben.
Besondere Chancen sieht er in der Verbindung von KI und industrieller Produktion. Deutschland könne seine industrielle Stärke nutzen, um neue digitale Technologien wirtschaftlich einzusetzen.
Wohlstand ist mehr als Wirtschaftswachstum
In der Diskussion über Generationengerechtigkeit wurde auch infrage gestellt, ob es der nächsten Generation zwangsläufig besser gehen müsse als der vorherigen. Angesichts von Klimakrise, demografischem Wandel und begrenzten Ressourcen sei weiteres Wachstum nicht selbstverständlich.
Fratzscher plädierte dafür, Wohlstand umfassender zu betrachten. Gesundheit, soziale Sicherheit, Lebenszufriedenheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt seien ebenso wichtig wie Einkommen und Vermögen. Bei der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme sollten große Vermögen und hohe Einkommen seiner Ansicht nach stärker herangezogen werden.
Reformen und demokratischer Zusammenhalt
Auf die Frage, wie zuversichtlich er angesichts der zahlreichen Herausforderungen sei, verwies Fratzscher auf frühere Krisen, die Deutschland bewältigt habe. Zugleich kritisierte er, dass der politische Wille zu grundlegenden Reformen häufig erst entstehe, wenn der Handlungsdruck groß sei. Zur aktuellen Situation sagte er, dass wir offensichtlich noch nicht genügend „vor die Wand gefahren“ seien.
Veränderungen seien unter anderem beim Klima- und Umweltschutz, bei den Sozialsystemen, bei öffentlichen Investitionen und in der Bildung notwendig.
Die Diskussion machte deutlich, dass die Zukunft der Arbeit nicht isoliert betrachtet werden kann. Technologischer Wandel, wirtschaftlicher Wohlstand, soziale Sicherheit und demokratischer Zusammenhalt hängen eng miteinander zusammen. Fratzschers Botschaft an die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer: Die Veränderungen sind eine Herausforderung – aber auch eine Chance, eigene Wege zu gehen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.
Anschließend berichteten die früheren SIBI‑Schülerinnen und -Schüler Tim Moddemann, Sandrine Sassen, Annika Roth und Stefan Hack, die inzwischen Unternehmen gegründet oder Führungspositionen in Wirtschaftsunternehmen übernommen haben, aus ihren Erfahrungen. Der Austausch fand unter anderem in einem Speed-Dating-Format statt.
Die Hans Trappen Stiftung
Die Hans Trappen Stiftung wurde 2001 gegründet. Grundlage war der testamentarische Wille des Bad Honnefers Hans Trappen, der 1999 verfügte, sein Vermögen in eine gemeinnützige Stiftung unter der Verwaltung des Stifterverbandes einzubringen. Ziel der Stiftung ist es, jungen Menschen wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich zu vermitteln, ihr Verständnis für die soziale Marktwirtschaft zu fördern und das Bewusstsein für Wirtschaftsethik zu stärken. Ein besonderes Anliegen des Stifters war das Siebengebirgsgymnasium in Bad Honnef, an dem er 1929 sein Abitur abgelegt hatte.
Hans Trappen wurde 1908 in Pilsen geboren und entstammte einer Industriellenfamilie. Sein Großvater Alfred Trappen war jahrzehntelang Geschäftsführer eines Gusseisenbetriebs in Wetter an der Ruhr und Mitglied in Aufsichtsräten bedeutender Aktiengesellschaften. Sein Vater Walter Trappen war Generaldirektor der Škoda-Werke in Pilsen und an der Gründung mehrerer Aktiengesellschaften beteiligt.
Nach einer kaufmännischen Ausbildung machte Hans Trappen Karriere als Repräsentant der Stahlindustrie des Ruhrgebiets bei großen Reedereien in Norddeutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat er namhafte Stahl- und Gussunternehmen wie Krupp, Thyssen und Mannesmann.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit hatte Hans Trappen eine besondere Leidenschaft für die Gartenkunst. Vielen Bad Honnefern war er als Gärtner bekannt. Mit großer Hingabe pflegte und erhielt er seinen Garten, den er im Gestaltungsstil des 19. Jahrhunderts angelegt hatte. Da er keine Kinder hatte, sollte sein Vermögen nach seinem testamentarischen Willen einem gemeinnützigen Zweck zugutekommen. Hans Trappen starb am 28. Februar 2001.









