Bad Honnef. Noch vor wenigen Jahrzehnten standen bei der Ausweisung neuer Baugebiete vor allem Fragen des Wohnraumbedarfs, der Erschließung und der Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt. Heute hat sich der Blick deutlich verändert. Mit der fortschreitenden Klimaerwärmung gewinnt zunehmend die Frage an Bedeutung, welche Auswirkungen die Versiegelung großer Freiflächen langfristig auf Städte und Gemeinden hat. Diese Entwicklung spielt auch bei der geplanten Baulandentwicklung Selhof-Süd in Bad Honnef eine immer größere Rolle.
- Deutschland erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt
- Hitze ohne den Klimawandel nahezu ausgeschlossen
- Auswirkungen sind längst Realität
- Städte speichern Hitze
- Starkregen trifft auf versiegelte Flächen
- Böden kühlen ihre Umgebung
- Klimaanpassung kostet Geld
- Was bedeutet das für Selhof-Süd?
- Bürgerinitiative sieht „Lebensader“ der Stadt bedroht
- Wie viele neue Einwohner braucht Bad Honnef?
- Eine Entscheidung mit Folgen für Jahrzehnte
Deutschland erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt
Deutschland gehört zu den Regionen, die sich deutlich schneller erwärmen als der globale Durchschnitt. Europa gilt inzwischen als der sich am stärksten erwärmende Kontinent der Erde. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes hat sich Deutschland gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um rund 2,5 Grad Celsius erwärmt. Seit den 1970er Jahren steigt die Durchschnittstemperatur hierzulande um etwa 0,41 Grad pro Jahrzehnt.
Diese Entwicklung zeigt sich deutlich in den Messreihen: Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 liegen sämtlich innerhalb der vergangenen 25 Jahre. Zwischen 2016 und 2025 lag jedes Jahr über dem langjährigen Klimamittel. Die Jahre 2023 und 2024 stellten neue Temperaturrekorde auf. Auch die Zahl der Hitzetage mit mindestens 30 Grad Celsius hat sich seit den 1950er Jahren etwa verdreifacht – von durchschnittlich drei auf inzwischen rund neun Tage pro Jahr.
Hitze ohne den Klimawandel nahezu ausgeschlossen
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das internationale Forschungsteam World Weather Attribution. Nach dessen Analysen wären Temperaturen wie während der jüngsten Hitzewellen ohne den menschengemachten Klimawandel nahezu ausgeschlossen gewesen. Eine vergleichbare Juni-Hitzewelle wäre im Klima des Jahres 1976 rund 3,5 Grad kälter ausgefallen, im Jahr 2003 immerhin noch etwa zwei Grad.
Hinzu kommt ein entscheidender Aspekt: Europa erwärmt sich derzeit etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Eine globale Erwärmung von rund 1,5 Grad geht deshalb mit einer deutlich stärkeren Erwärmung Europas einher. Extreme Hitzeereignisse können dabei noch wesentlich stärker ausfallen.
Eine Studie des britischen Met Office zum 50. Jahrestag der Hitzewelle von 1976 kommt zu dem Ergebnis, dass damalige Höchsttemperaturen von etwa 34 Grad unter vergleichbaren Wetterlagen heute bereits Werte von bis zu rund 39 Grad ermöglichen könnten. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten vergleichbare Wetterlagen sogar Temperaturen um 45 Grad hervorbringen.
Auswirkungen sind längst Realität
Die Folgen extremer Hitze sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Während der jüngsten Hitzewellen musste in Leipzig zeitweise der Straßenbahnverkehr eingestellt werden, weil sich die Fugenmasse zwischen Asphalt und Schienen verflüssigte. Auf Autobahnen kam es zu Schäden an der Fahrbahn.
In Offenbach warnte die Stadt zeitweise vor möglichen Engpässen bei der Trinkwasserversorgung, weil der Wasserverbrauch die Förderkapazitäten an ihre Grenzen brachte.
Auch die Natur leidet zunehmend unter der Erwärmung. Viele Flüsse erreichen inzwischen Wassertemperaturen von nahezu 30 Grad, was zahlreiche Fischarten erheblich belastet. Im Mittelmeer wurden örtlich Temperaturen gemessen, die bis zu sieben Grad über den langjährigen Durchschnittswerten lagen.
Vor diesem Hintergrund verändert sich auch die Bewertung neuer Baugebiete grundlegend. Jede zusätzliche Versiegelung verschärft die Hitzeinseln und reduziert die Kühlfunktion von Grünflächen.
Städte speichern Hitze
Asphalt, Beton und Pflaster nehmen tagsüber große Wärmemengen auf und geben sie nachts nur langsam wieder ab. Dadurch entstehen sogenannte Wärmeinseln. Innenstädte können nachts fünf bis zehn Grad wärmer sein als ihr Umland. Gleichzeitig nehmen Tropennächte mit Temperaturen über 20 Grad deutlich zu. Jeder zusätzliche Parkplatz, jede neue Straße und jedes Neubaugebiet kann diesen Effekt verstärken – insbesondere dann, wenn keine ausreichenden Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen werden.
Starkregen trifft auf versiegelte Flächen
Mit steigenden Temperaturen kann die Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch nehmen Starkregenereignisse zu. Auf versiegelten Flächen kann Regen kaum versickern. Das Wasser fließt oberflächlich ab, Kanalisationen werden schneller überlastet und Überschwemmungen treten häufiger auf. Natürliche Böden wirken dagegen wie ein Schwamm und können große Wassermengen aufnehmen und zeitverzögert wieder abgeben.
Böden kühlen ihre Umgebung
Wiesen, Felder und andere Grünflächen erfüllen eine wichtige Kühlfunktion. Durch Verdunstung entziehen sie ihrer Umgebung Wärme. Werden diese Flächen bebaut, geht dieser natürliche Kühleffekt verloren. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Wärmequellen durch Gebäude, Straßen und versiegelte Plätze.
Versiegelte Flächen verhindern außerdem, dass Regenwasser in den Boden eindringen kann. Dadurch wird die Grundwasserneubildung erschwert, Trockenperioden können sich verschärfen und Wasser steht in heißen Sommern immer seltener zur Verfügung.
Klimaanpassung kostet Geld
Je stärker eine Stadt versiegelt wird, desto größer werden häufig die Investitionen in Maßnahmen zur Klimaanpassung. Dazu gehören unter anderem
- größere Kanalisationen,
- Regenrückhaltebecken,
- zusätzliche Stadtbäume,
- Bewässerungssysteme,
- Entsiegelungsprogramme sowie
- Kühlmaßnahmen im öffentlichen Raum.
Viele Fachleute weisen deshalb darauf hin, dass klimaangepasste Planung häufig kostengünstiger ist als spätere Korrekturen.
Was bedeutet das für Selhof-Süd?
Genau an diesem Punkt setzt die Diskussion um die geplante Baulandentwicklung in Selhof-Süd an. Die Stadt Bad Honnef plant dort langfristig eine Entwicklung auf einer rund 28 Hektar großen Fläche. Nach Angaben von Bündnis 90/Die Grünen sieht der derzeit diskutierte Businessplan eine Bebauung von rund 20 Hektar vor.
Das Gebiet besteht heute unter anderem aus Schrebergärten, Grünflächen, Stallungen und weiteren Freiflächen. Nach Auffassung der Grünen erfüllen diese Flächen wichtige Funktionen für das Stadtklima. Sie seien Kaltluft- und Frischluftentstehungsgebiete, dienten der Rückhaltung von Starkregen, der Grundwasserbildung sowie als Lebensraum für Tiere und Pflanzen.
Die Grünen lehnten deshalb bereits Anfang 2024 die Einleitung der Voruntersuchung durch NRW.Urban (Landesentwicklungsgesellschaft für Städtebau in NRW – tritt in dem Projekt als Treuhänderin der Stadt Bad Honnef auf) ab. Im Rahmen dieser Untersuchungen sollen die Voraussetzungen einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme geprüft werden. Dazu gehört auch die rechtliche Prüfung möglicher Grundstücksankäufe und – unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen – einer möglichen Enteignung.
Bürgerinitiative sieht „Lebensader“ der Stadt bedroht
Auch die Bürgerinitiative Grünes Band Bad Honnef spricht sich gegen eine großflächige Bebauung aus. Sie setzt sich für den Erhalt möglichst großer Teile der Freiflächen ein und fordert stattdessen naturnahe Erholungsangebote, den Schutz des Grundwassers, den Erhalt alter Bäume, den Ausbau des Landschaftsschutzes sowie die Prüfung alternativer Wohnbauflächen.
Bei einer Informationsveranstaltung am vergangenen Freitag im Schloss Hagerhof, die bis auf den letzten Platz besetzt war, berichteten die Initiatoren von einem Gespräch mit der Stadt. Neue Erkenntnisse habe es dabei kaum gegeben. Nach Einschätzung der Initiative könnte jedoch noch in diesem Jahr ein Beschluss gefasst werden, der die Planungen entscheidend voranbringen würde.
Kritisch bewertet wurde außerdem eine Eigentümerbefragung. Mehrere Teilnehmer bezweifelten, dass alle Eigentümer tatsächlich erfasst worden seien. Entsprechend könne die Befragung nicht repräsentativ sein. Zudem wurde bemängelt, dass die Ergebnisse zwar an NRW.Urban übermittelt worden seien, bislang jedoch nicht öffentlich vorgestellt wurden.
Wie viele neue Einwohner braucht Bad Honnef?
Auch die langfristige Bevölkerungsentwicklung wurde diskutiert. Während die Stadt früher von einem deutlichen Einwohnerzuwachs auf rund 30.000 Menschen ausgegangen sei, prognostiziert der Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) derzeit lediglich einen sehr geringen Anstieg – von aktuell rund 25.038 auf etwa 25.124 Einwohner bis zum Jahr 2050.
Mehrere Teilnehmer stellten deshalb die Frage, ob Umfang und Kosten eines solchen Projekts noch in einem angemessenen Verhältnis zur erwarteten Bevölkerungsentwicklung stehen. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass für ein neues Wohngebiet erhebliche Investitionen in Straßen, Kanäle, Schulen, Kindertagesstätten und weitere Infrastruktur notwendig wären. Sollte die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten finanzielle Risiken letztlich bei der Stadt und damit bei den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern liegen.
Eine Entscheidung mit Folgen für Jahrzehnte
Unabhängig davon, wie die politische Entscheidung am Ende ausfällt, dürfte eines bereits heute feststehen: Sollte Selhof-Süd tatsächlich entwickelt werden, wäre das Baugebiet voraussichtlich erst nach 2040 vollständig realisiert. Es würde also in einer Zeit entstehen, in der Deutschland nach den bisherigen Klimaprojektionen deutlich wärmer sein wird als heute.
Gerade deshalb verändert der Klimawandel die Bewertung neuer Baugebiete grundlegend. Früher lautete die zentrale Frage häufig: Wo können wir bauen? Heute wird zunehmend gefragt: Wo können wir bauen, ohne das Stadtklima dauerhaft zu verschlechtern?
Diese Frage betrifft nicht nur den Wohnraumbedarf. Sie berührt ebenso den Hitzeschutz, die Wasserversorgung, den Schutz vor Starkregen, die Artenvielfalt, die Lebensqualität und letztlich auch die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Wie diese Aspekte in Selhof-Süd gegeneinander abgewogen werden, dürfte zu den wichtigsten städtebaulichen Entscheidungen gehören, die Bad Honnef in den kommenden Jahren treffen wird.
Nach Auffassung der Bürgerinitiative Grünes Band Bad Honnef reichen die Auswirkungen einer möglichen Bebauung weit über Selhof-Süd hinaus. Das Thema betreffe die gesamte Stadt, weil Klima- und Wasserhaushalt nicht an Stadtteilgrenzen endeten. Auch die finanziellen Folgen müssten letztlich alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler tragen. Die Initiative ruft deshalb die Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich ihr anzuschließen oder ihre Ziele zu unterstützen. Sollte dies politisch erforderlich werden, will sie ein Bürgerbegehren einleiten.
Ein Bürgerbegehren und einen Bürgerentscheid gab es bereits im Jahr 2019. Damals ging es um die Bebauung des nördlichen Stadtgartens an der B42. Zwar sprach sich die Mehrheit der Abstimmenden gegen eine Bebauung aus, das erforderliche Abstimmungsquorum wurde jedoch nicht erreicht. Der Bürgerentscheid blieb deshalb rechtlich ohne Wirkung.
Gebaut wurde im umstrittenen Teil des Stadtgartens bis heute nicht.
Quellen:
Deutscher Wetterdienst
Stadt Bad Honnef
Die Grünen Bad Honnef
Bürgerinitiative Grünes Band Bad Honnef
Information und Technik NRW
Eigene Quellen
Lions Club lädt zu Informationsabend über Hitzeinseln und KI-Prognosen ein










