Der Deutsche Fußball-Bund rühmt sich, mehr zu sein als ein Sportverband. Er versteht sich als Wertevermittler, als gesellschaftlicher Akteur, als Orientierungshilfe. „Wir machen uns für relevante gesellschaftliche Themen stark“, heißt es selbstbewusst. Genau an diesem Anspruch wird sich der DFB nun messen lassen müssen.
Denn die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko ist keine unpolitische Sportveranstaltung. Sie findet in einem politischen Kontext statt, der von wachsender Autokratie, offenem Völkerrechtsbruch, Gewaltandrohungen und einer Verachtung demokratischer Institutionen geprägt ist. Donald Trump steht nicht nur für erratische Rhetorik, sondern für reale politische Praxis: militärische Interventionen ohne parlamentarische Legitimation, Drohungen gegen souveräne Staaten, die systematische Erosion demokratischer Normen. Wer das ignoriert, entscheidet sich bewusst fürs Wegsehen.
Dass Fifa-Präsident Gianni Infantino diesem Präsidenten einen eigens erfundenen „Friedenspreis“ verleiht, ist mehr als peinlich. Es ist ein moralischer Offenbarungseid. Wenn Gewalt, Einschüchterung und Machtpolitik mit Auszeichnungen geadelt werden, dann wird der Fußball nicht zum Ort der Verständigung, sondern zum Feigenblatt der Macht.
Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und DFB-Vizepräsident, hat recht, wenn er fragt: Wo ist das Tabu erreicht? Wenn Drohungen ausgesprochen werden? Wenn angegriffen wird? Wenn Menschen sterben? Oder erst, wenn es politisch bequem ist, Haltung zu zeigen? Die Empörung über Katar war groß – nun soll plötzlich alles „unpolitisch“ sein? Das ist keine Neutralität, das ist Opportunismus.
Das häufige Gegenargument, ein Boykott schade den Spielern, greift zu kurz. Profifußballer tragen keine größere moralische Last als die Menschen, die unter den politischen Entscheidungen eines WM-Gastgebers leiden. Sport ist wichtig, aber er steht nicht über Menschenrechten, nicht über Demokratie, nicht über Frieden. Wer Kindern erklären will, dass Fairness, Respekt und Weltoffenheit Werte sind, kann nicht gleichzeitig so tun, als hätten diese Werte außerhalb des Spielfelds keine Bedeutung.
Ein Boykott der WM in den USA wäre kein Symbol ohne Wirkung. Er würde treffen – politisch und symbolisch. Er würde zeigen, dass Werte nicht verhandelbar sind. Dass internationale Sportverbände und nationale Verbände mehr sein können als Mitläufer. Und ja: Er würde Donald Trump dort treffen, wo es ihn schmerzt – bei seiner Eitelkeit und seinem Bedürfnis nach globaler Bühne.
Die Alternative ist nicht Fußballverzicht, sondern Verantwortung. Denkbar wäre eine parallele oder alternative internationale Turnierform in Ländern, die sich klar zu Demokratie, Völkerrecht und einer kooperativen Weltordnung bekennen. Ohne die USA. Ohne autoritäre Selbstinszenierung. Dafür mit Haltung.
Wenn der DFB wirklich Orientierung geben will, dann ist jetzt der Moment. Nicht irgendwann. Nicht nach dem Turnier. Jetzt. Werte sind kein Pausenfüller zwischen Anstoß und Abpfiff. Sie gelten immer – oder gar nicht.
Und ja – auch die hiesigen Fußballvereine könnten sich dazu öffentlich positionieren.










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